EIN NEUES SCHLAFZIMMER




Wie lange schon wollte ich unser Schlafzimmer umstellen – das eine Zimmer, das ich immer ungemütlich fand. Letztes Wochenende habe ich endlich losgelegt. Erstaunlich, wie neu und anders sich ein Zimmer anfühlt, wenn man einfach nur alles umstellt. Vielleicht mache ich irgendwann mal ein paar Bilder. Bis dahin sind hier ein paar Fotos, die ich zur Inspiration gesammelt habe, ein paar Dinge, die ich gemacht habe und ein Wunschzettel:

Eins: Ich habe das Bett von der Mitte des Zimmers direkt vors Fenster gestellt (wie auf dem ersten Bild).

Zwei: Rechts neben dem Bett hängen jetzt gesammelte Lieblingsbilder: dieser und dieser Print von Petersen, unsere Passfoto-Sammlung und ein paar Zeichnungen von Fanny. Bei einer Freundin habe ich neulich diesen „Rapper´s Delight”-Print von Juniqe gesehen – der würde noch gut in die Sammlung passen.

Drei: Die uralten Malm-Kommoden stehen jetzt direkt an der Wand statt vorm Fenster. Da gefallen sie mir deutlich besser – ich bin allerdings nicht der weltgrößte Fan ihres Dunkelbrauns. Das Bett hat die gleiche Farbe. Jetzt denke ich darüber nach, einfach alles weiß anzustreichen. Hat jemand von euch das mal versucht und kann mir sagen, ob das funktioniert?

Vier: Auf der Kommode steht jetzt mein Lieblingsbild von Fanny: Wir drei und ihre beiden großen Lieben: Lulu, die Gastkatze aus New York und Franjo, der Hund meiner Schwester. Jetzt fehlt noch ein großes Bild. Vielleicht spare ich auf einen Print von Lola Donoghue.

Fünf: Was auch noch fehlt ist ein schlichter Teppich, den ich vors Bett legen möchte. Vielleicht der hier? Oder ich mach mich auf dem Flohmarkt mal auf die Suche.

Sechs: Diese zwei Kissen liegen momentan noch auf dem Sofa. Ins Schlafzimmer würden sie aber auch sehr gut passen.

Sieben: Und am Ende ist auch noch der ganze Kram rausgeflogen, der sich in den letzten Monaten (naja, eher Jahren) unter dem Bett, neben dem Schrank und in allen anderen Ecken angesammelt hatte. Wie viel schöner das Schlafzimmer ohne dieses ganze Zeug ist.

Noch mehr Bilder und ein paar schöne Tipps gibt´s bei Chapter Friday. Und hier sind noch ein paar Dinge, die gerne einziehen dürften:






Eins: Print „Rapper´s Delight” von Juniqe. Zwei: Kerzenständer „Circle” von Minimarkt. Drei: „Juno Blanket Grey” von The District Six Store. Vier: „Out of Her Loop” Abstract Giclée Print of Painting von Lola Donoghue (via). Fünf: Korb (Größe L) von Schöne Beute – Ghanin. Sechs: Baumwollteppich von H&M. Sieben: Kissen „Nice Shapes and Dots #2” von selekkt.com. Acht: „Marble Square” von Bolia.

Fotos: Alvhem Mäkleri & Interiör (1-3), Ollie & Seb´s House (4), Emma hos / Bild: Jonas Berg (5), Emma hos / Bild: Jonas Berg (6).

ZWEI FÜR DIESES WOCHENENDE: DIE BEEINDRUCKENDEN DOKUMENTATIONEN „DIOR UND ICH” UND „CHEF´S TABLE”




Und dann sitzt er auf dem Balkon des Hauses, in dem gleich seine erste Show für Dior stattfinden wird, und sein Kinn beginnt zu zittern, „now it´s coming”. Unten fahren die Stars in großen Autos vor, oben sitzt Raf Simons und weint. Vor Anspannung, vor Nervosität, vor Angst, vor Freude, es ist schwer zu sagen, aber gut zu verstehen, wenn man weiß, dass er in den letzten zwei Monaten seine erste Haute-Couture-Kollektion für Dior entworfen hat. Hinter ihm und seinem Team liegen acht Wochen harter Arbeit, Schlaflosigkeit, Aufregung, Ernüchterung, Freude. „Dior und ich” von Regisseur Frédéric Tcheng erzählt von diesen Wochen. Erzählt davon, wie Raf Simons sich in ein Gemälde von Sterling Ruby verliebt und es zu Stoff machen will, obwohl die Stoffhersteller das schlicht für unmöglich halten. Erzählt davon, wie Simons einen weißen Blazer nun doch lieber in Schwarz sehen möchte (und was sein hinreißender Studio-Leiter Pieter Mulier tut, um ihm diesen Wunsch zu erfüllen). Erzählt, wie Raf Simons versucht, seiner Vorstellung von Modernität zu folgen, ohne die Tradition dieses großen Modehauses zu verraten. Der Film zeigt aber nicht nur Raf Simons, sondern auch sein Team: Seine rechte Hand Pieter Mulier, die Leiterinnen des Ateliers und die Schneiderinnen, die dort teilweise schon seit mehr als 40 Jahren arbeiten. „Dior und ich” zeigt, wie viel Liebe und Arbeit, Nerven und Handwerk, Wissen und Präzision in einem einzigen Haute-Couture-Kleid stecken (und wie schwer es den Schneiderinnen am Ende fällt, die Kleider, an denen sie Wochen gearbeitet haben, dann – über den Runway – gehen zu lassen). Vor allem aber zeigt er, was möglich werden kann, wenn man seinen eigenen Ideen und Instinkten vertraut und folgt. „I have an idea, but it´s very extreme”, sagt Raf Simons nachdem er sich das Haus in Paris angesehen hat, in dem seine erste Show stattfinden soll. Er möchte die Räume mit Blumen dekorieren, von oben bis unten, die ganzen Wände, alle Räume, und jeden mit einer anderen Blume. Am Ende verwandelt sich dieses Pariser Haus tatsächlich in ein einziges Blütenmeer. Und ich hab mir eine Träne weggewischt. Vielleicht waren es auch zwei.

„Dior und ich” von Frédéric Tcheng, mit Raf Simons, Pieter Mulier, Anna Wintour, Marion Cotillard und Jennifer Lawrence, ab heute im Kino. Hier ist die Website zum Film, hier ein Interview mit dem Regisseur und hier eine Geschichte über Pieter Mulier.



Und dann diese Food-Doku-Serie auf Netflix: „Chef´s Table”. Ich weiß nicht, wann mich eine Fernsehserie zuletzt so umgehauen hat. Mich so hat staunen lassen. Das Prinzip dieser Serie ist einfach: In jeder Folge wird ein berühmter Koch vorgestellt. Der italienische Koch Massimo Bottura etwa, der 1995 ein Restaurant in Modena eröffnete und beschloss, sich eine moderne italienische Küche auszudenken, die zwar auf der klassischen Kochkunst Modenas basiert, sie aber radikal modernisiert – eine Idee, die seine Gäste zunächst empörte. „Können sie sich vorstellen, was die Einheimischen über uns dachten?” fragt Bottura und erzählt, wie er ihnen Tortellini nicht in großen Schüsseln servierte, sondern auf einem Teller, nur sechs Stück, in einer Linie, die in die Brühe hineinwandert. „Sie wünschten uns die Pest an den Hals. Du darfst Großmutters Rezept nicht beschmutzen”. Heute gehört die Osteria Francescana zu den besten Restaurants der Welt und hat drei Michelin-Sterne, aber „Chef´s Table” erzählt gar nicht so sehr von diesem Erfolg, sondern von Botturas Weg dorthin, von seinem Nicht-Aufgeben gegen alle Widerstände, seinem Trotz, auch seiner Wut und Enttäuschung. Oder Magnus Nilsson, der im schwedischen Järpen weit entfernt von jeder Großstadt ein Restaurant führt, in dem er mit regionalen Produkten eine moderne, nordische Küche kocht – was schon deshalb eine riesige Herausforderung ist, weil es von Oktober bis April gar keine frischen Produkte in der Region gibt und Nilsson die Jahreszeiten überlisten muss, indem er die regionalen Zutaten konserviert. Auch diese Geschichte ist eine Erfolgsgeschichte – die Menschen reisen von überall her an, um einen der zwölf Plätze im Fäviken zu ergattern – erzählt wird aber der Weg dorthin. Wie Nilsson das Kochen aus Frustration schon ganz aufgegeben hatte. Wie er durch den Norden reiste, um alte Gerichte und ihre Zubereitungsweisen zu lernen. Und wie er nun endlich das Gefühl hat, irgendwo angekommen zu sein, in seiner Heimat, der er früher so unbedingt entfliehen wollte.

Habt ihr in letzter Zeit auch Entdeckungen gemacht? Oder schon „Chef´s Table” gesehen?

Chef´s Table von Clay Jeter, Brian McGinn, Andrew Fried und David Gelb mit Dan Barber, Massimo Bottura, Francis Mallmann, Niki Nakayama, Magnus Nilsson und Ben Shewry, auf Netflix anzusehen.

EIN KOCHBUCH, EIN REZEPT: CAPONATA ROSCIOLI AUS „REISEHUNGER” VON NICOLE STICH



Darf ich trotzdem vom Sommer schwärmen? Es gibt nämlich so viele Dinge, die ich am Sommer mag – auch bei Wolkenhimmel und an Pullovertagen. Den Geruch von frisch gemähtem Gras. Nackte Füße. Kirschohrringe. Vogelgetschilpe. Mango- und Spaghetti-Eis. Offene Fenster und flatternde Gardinen. Abends aus dem Fenster zu gucken, und es ist immer noch hell. Panamahüte. Am meisten aber mag ich die Langsamkeit. Der Sommer nimmt sich Zeit. Es ist zu warm, um sich zu beeilen, und viel zu schön, um nicht für ein Weilchen auf einer Wiese zu sitzen. Oder auf dem Balkon. Oder draußen in einem Restaurant (nicht heute vielleicht, aber an so vielen anderen Sommertagen). Auch das Essen muss sich im Sommer nicht groß anstrengen: eine Schale Erdbeeren mit einer Prise Vanillezucker. Tomaten mit Mozzarella. Gegrillte Pfirsiche mit ein wenig Honig. Und natürlich: Caponata, eines meiner liebsten Sommeressen. Weil ich dieses sizilianische Gemüsegericht mit einem unheimlich schönen Abend in einem italienischen Restaurant verbinde. Der war so schön, dass ich seither immer mal wieder versucht habe, es nachzukochen. Das Ergebnis war sogar ziemlich anständig, allerdings immer sehr aufwendig. Und wie das mit dem Sommer so ist: Ich war zu faul, nach unkomplizierteren Rezepten zu suchen oder mir eine eigene Caponata auszudenken. Bis ich vor ein paar Wochen in einem Kochbuch namens „Reisehunger” die Caponata Roscioli von Nicole Stich entdeckt habe. Die ist so unkompliziert zu machen, dass meine Sommerfaulheit nichts gegen sie einzuwenden hat. Und sie schmeckt so gut, so herrlich sommerlich mit all dem Gemüse, den Pinienkernen, den Rosinen und dem kühlen Käse, dass es bei uns jetzt oft Caponata gibt (auch weil sie sich super vorbereiten lässt, wenn Besuch kommt – morgens oder einen Tag vorher kochen, im Kühlschrank ziehen lassen, abends bloß noch aufwärmen und nachwürzen).

Die anderen Rezepte, die ich aus diesem Kochbuch probiert habe, verdienen es übrigens auch, beschwärmt zu werden: Mac´n´Cheese, der Flammkuchen mit Ziegenkäse und Birne, das bunte Ofengemüse mit Tsatsiki und die Pizza Bianca mit Feige und Rosmarin (die auch super zur Caponata passt). Was für ein tolles Kochbuch.

Hier ist das Rezept von Nicole Stich und hier hat sie ihr viertes Kochbuch auf ihrem Blog Delicious Days vorgestellt.


CAPONATA ROSCIOLI 
von Nicole Stich
Zubereitungszeit: ca. 40 Minuten

Zutaten für 4 Personen als Vorspeise (oder 3 Personen als Hauptgang):
* 50-75ml Olivenöl
* 300g gelbe oder rote Kirschtomaten
* 500g Aubergine
* 1 rote oder gelbe Paprikaschote (ich nehme immer eine rote und eine gelbe)
* 2 Stangen Staudensellerie
* 1 große rote Zwiebel
* 2 Knoblauchzehen
* 40g schwarze Oliven (ohne Stein)
* 4 Anchovisfilets (in Öl)
* 60g Sultaninen
* 40g Pinienkerne
* 3-4 EL guter Aceto balsamico
* 2 TL Zucker
* Meersalz
* frisch gemahlener schwarzer Pfeffer
* 3-4 Stängel Basilikum
* 250g Burrata (italienischer Frischkäse, Büffelmozzarella geht auch)

Den Backofen auf 200°C Ober/ Unterhitze vorheizen. Die Kirschtomaten waschen, halbieren und mit den Schnittflächen nach oben in eine mit Olivenöl bepinselte Auflaufform legen. Im Ofen rösten, bis sie zu schrumpeln beginnen. Nicole Stich lässt sie 15-20 Minuten im Ofen, ich fast doppelt so lange. Aus dem Ofen nehmen und zur Seite stellen.


Während die Tomaten im Ofen sind, das restliche Gemüse waschen und putzen. Die Auberginen in etwa 2cm große Würfel schneiden, die Paprika in 1cm große Würfel, die Selleriestangen längs halbieren und in dünne Scheiben schneiden. Die Zwiebel schälen und in dünne Spalten schneiden. Den Knoblauch schälen und fein hacken. Die Oliven in dünne Ringe schneiden. Die Anchovisfilets fein hacken.

Eine große Pfanne mit hohem Rand erhitzen. Die Auberginenwürfel dazu geben und sofort mit 3-4 EL Olivenöl beträufeln, gut durchmengen und bei starker Hitze für etwa 5 Minuten scharf anbraten bis sie Farbe annehmen. Die Paprika, den Sellerie und die Zwiebel dazu geben und weitere 5 Minuten bei mittlerer Hitze braten. Dann den Knoblauch, die Oliven, die Anchovis, Sultaninen und Pinienkerne untermischen und noch einmal für 5 Minuten bei geringer Hitze schmoren lassen. Hin und wieder umrühren.

Das Gemüse mit 2-3 EL Wasser und dem Aceto balsamico ablöschen. Die Ofentomaten vorsichtig unterrühren. Mit Zucker, Salz und Pfeffer abschmecken. Den Basilikum abzupfen, grob hacken und unterrühren. Warm oder kalt mit der Burrata (oder dem Büffelmozzarella) und ein bisschen Brot anrichten.

Nicole Stich: „Reisehunger”, 240 Seiten, Gräfe und Unzer, 24,99 Euro.


EINE LIEBESLISTE MIT LUISA SILLER VON ONEFINEDAY


Heute beginnt hier eine neue Reihe mit Liebeslisten. Also: mit Dingen, die Frauen toll finden, die ich toll finde. Den Anfang macht meine Brieffreundin Luisa Siller aus Wien, weil sie eben genau das ist: eine tolle Frau. Außerdem: Mama von zwei Kindern, Journalistin und Betreiberin des Onlineshops Onefineday, in dem es Mode aus Bio-Baumwolle für Kinder bis sechs gibt. Zum Beispiel den Strampler mit Wimpern (1), den Chocolate-Sweater (2), das Sternchen-Shirt mit Anker (3), die Baby-Leggins mit roten Diamaten (4) oder die Leggins mit Federprint (5). Hier sind ein paar Dinge, Menschen und Orte, die Luisa liebt...

1) Ein Buch, das dir viel bedeutet?
„Die Tante Jolesch” von Friedrich Torberg.

2) Ein Film, der lange bei dir geblieben ist?
„The Way We Were” mit Barbra Streisand und Robert Redford. Mit 17 das erste Mal in New York gesehen. Sprachlich noch vieles nicht verstanden, von der Beziehung der beiden auch, trotzdem geweint wie ein Schlosshund. Seitdem begleiten mich Katie und Hubbell und ihre unmögliche Liebesgeschichte durchs Leben und meine Beziehungen. An einem verregneten Nachmittag in Pisa habe ich mir dann endlich die DVD gekauft.

3) Ein Song, der dir unendlich gute Laune macht?
„Shake it Off” von Taylor Swift. Ich nehme mir Dinge oft sehr zu Herzen. Das Lied erinnert mich, Sachen abzuschütteln. Und meine Tochter Polly tanzt unheimlich gerne dazu. Gute Laune hoch 10.

4) Was in deinem Kleiderschrank ziehst du immer wieder an?
Meine neue Jeans von KOI. Ich kann mich nicht erinnern, jemals eine Jeans ohne Tränen gekauft zu haben. Seit Emma ist alles anders. Ein Glücksgriff bei Sukha in Amsterdam, angezogen und seither kaum mehr abgelegt.

5) Und was würdest du niemals wegwerfen, obwohl du es schon lange nicht mehr anziehst?
Das Hemdblusen-Kleid, das ich bei meinem ersten Date mit meinem Mann Michi anhatte und dabei von oben bis unten mit Schokoladeneis angepatzt habe.

6) Wonach duftest du gerne?
Seit der Schwangerschaft mit Emil eigentlich nach gar nichts mehr. Meine Nase ist dadurch so empfindlich geworden, dass ich Düfte an mir selbst als viel zu stark empfinde. Ich rieche aber gerne Sachen, ich liebe zum Beispiel den Geruch von Flieder und Hyazinthen oder meinem Shampoo von Less is More. An anderen mag ich vor allem Düfte aus kleinen Manufakturen, die nicht so alltäglich sind. In das Parfüm „Portrait of a Lady” von Frederic Malle würde ich am liebsten jedes Mal eintauchen, wenn es mir begegnet. Ein Duft, der mich trotz aller Vertrautheit immer wieder überrascht.

7) Ein Lippenstift?
Ruby Woo von MAC. The one and only.

8) Ein Ort, der zu Hause ist?
New York, Amsterdam, Barcelona. Drei Städte, in denen ich gelebt habe. Drei Städte, die mir geholfen haben zu mir und zu meiner Heimat Wien zu finden. Drei Städte, die immer Zuhause bleiben werden.

9) Und an welchen willst du unbedingt noch reisen?
Nach Buenos Aires. Und reitend die Anden überqueren.

10) Was gehört zu einem guten Abend?
Lachen und lange Gespräche. Mein Lieblings-Cocktail Pimm's, der sich schneller trinkt als ich vernünftig sein kann. Durch die Nacht nach Hause radeln und wissen, dass ich am nächsten Morgen ausschlafen kann.



11) Und zu einem guten Morgen?
Eine halbe Stunde vor den anderen wach sein, den Tag in Ruhe beginnen lassen. Und ein starker Kaffee.

12) Ein Gefühl, das du magst?
Aufbruchsstimmung. Egal, ob es um einen neuen Lebensabschnitt, ein Projekt oder eine Reise geht. Dieses elektrisierende Kribbeln ist immer wieder toll.

13) Welcher Gegenstand war dir mit sechs wichtig? Mit 16? Und heute?
Mit 6: ich hatte eine kleine Holzkiste, braun, mit einem kaputten Schloss. Drinnen klebte ein vergilbtes Foto von einem Berg, den mein Großvater mal bestiegen hat. In die hab ich alles gepackt, was mir wichtig war, meine Schätze. Und mit dieser hölzernen Schatzkiste bin ich dann verreist. Sogar transatlantisch. Meine Mutter war ziemlich verzweifelt und zieht mich heute noch damit auf. Ich versuche mich in die 6-jährige Luisa hineinzufühlen, wenn mich die Sammelwut von Emil wieder mal an meine Grenzen bringt.

Mit 16: definitiv das Festnetztelefon! Kaum war ich aus der Schule zu Hause, habe ich meine Freundinnen angerufen, von denen ich mich am Heimweg gerade erst getrennt hatte und der – gemeinsam verbrachte – Schultag wurde eingehend analysiert.

Heute: Mein Kalender. Immer: Moleskine. A5-Format, eine Woche pro Doppelseite. Wenn das Jahr vorbei und der Kalender voll ist, wandert er ins Regal zu seinen Vorgängern. Ich mag es, wie scheinbar gleichberechtigt die großen Dinge im Leben neben den alltäglichen Kleinigkeiten Platz finden. Hochzeitstage und Einkaufslisten. Trennungen und Telefonnummern. Geburtstage und Kinder, die nie geboren wurden. Oft stelle ich mir vor, wie ich als 70-Jährige vor meinem persönlichen Archiv sitze. Und lasse anhand all der Alltagsnotizen die Erinnerung an die kostbaren Jahre, die da gerade im Eilzugstempo an mir vorüberdüsen, wieder auferstehen.

14) Welchen Wunsch wirst du dir nie abgewöhnen?
Nochmal in einem fremden Land zu wohnen.

15) Worauf fühlt sich deine Hand am wohlsten?
Weichem Leder und festem Papier.

16) Schönste Sünde?
Magazine. Kaufen, lesen, aufheben. Stapelweise.

17) Eine gute Entdeckung der letzten Zeit?
Das göttliche Tan Tan Don von Mochi. Dort ist es immer so voll, dass man Wochen vorher reservieren muss, um einen Tisch zu bekommen. Seit einigen Monaten gibt es endlich eine Lösung – nämlich ein Take-Away namens o.m.k. Da hole ich mir an schlechten Tagen, aber auch guten und mittelguten – ach, eigentlich immer, wenn es gerade am Weg liegt – eine Portion Tan Tan Don. Soul Food hat noch nie besser geschmeckt.

18) Beste Lehre, die dir zuteil wurde?
„The Sunscreen Song” von Baz Luhrmann, der auf einer Kolumne von Mary Schmich basiert. Das erste Mal habe ich ihn als Teenager im Auto einer Freundin gehört. Ich fand Erwachsenwerden nicht immer leicht. Das Lied hat mir ein paar Maximen mitgegeben, an die ich mich bis heute halte.

19) Ein schöner Mensch, den du nicht persönlich kennst? 
Von innen und von außen: Grace Coddington. Weil sie sich trotz Jahrzehnten in der hektischen, hysterischen Modewelt ihre Ruhe und ihr Bauchgefühl, aber auch ihre Neugier bewahrt hat. Weil sie über den Dingen steht und trotzdem mittendrin ist. Weil sie ihre Augen immer offen hat und leidenschaftlich träumt.

20) Große Liebe? Klitzekleine, aber unverzichtbare Liebe?
Die große: Der Mann, die Kinder, die Familie. Und meine aber-hallo-knallo-tollen Freundinnen.
Die kleine: kalter Kaffee. Mit kalter Milch.



DER MAI 2015 (UND WAS IHN SCHÖN GEMACHT HAT)






Was diesen Mai schön gemacht hat:

* Pfingstrosen. Meine Lieblingsblumen.
* Ein Ausflug zu unserem Lieblingseisladen Hokey Pokey.
* Mal wieder in Ruhe zu lesen: „Eleanor & Park”. Wie sehr ich das Buch von Rainbow Rowell mochte. So gut, so rührend, so lebensweise. Jetzt beginne ich mit „Die Lebenden reparieren” von Maylis de Kerangal, das ihm so nachgegangen ist wie lange kein Buch.
* Feierabendblumen. Nach einem besonders langen Tag. Immer von hier.
* Mit Fanny Rhabarberkuchen zu backen (wie jedes Jahr nach dem Rezept von meiner großen Schwester).
* Pusteblumen.
* Konzertkarten zu kaufen. Wie lange war ich nicht im Konzert? Ich weiß es schon gar nicht mehr. Jetzt aber. Chilly Gonzales & das Kaiser Quartett.
* Dass sie plötzlich Fahrradfahren kann, einfach so. „Mama, lass los”. Und ich hab losgelassen, viel aufgeregter als sie.
* Diese malenden Zwillinge.
* Die Serie "Mr. Selfridge", die von Harry Gordon Selfridge und seinem Londoner Kaufhaus erzählt. Hier ist ein Trailer. (Und hier eine Doku über Selfridges). 
* Die asiatischen Burger von Bun Bao. Mit Süßkartoffel-Pommes.
* Dieser Make-up-Tipp: Einen Tropfen Öl ins flüssige Make-up geben. Funktioniert tatsächlich.
* Schon viele Jahre alt, aber jetzt erst entdeckt und bewundert: „One in 8 Million – New York Characters in Sound and Images.”
* Herumzudenken.
* Diese Flower Ladies.
* Und wie großartig ist bitte dieses Video?
* Das Gefühl, mal wieder Atem zu haben.

Was macht euch denn gerade gute Laune?

EIN PAAR DINGE, DIE ICH IN PARIS BESONDERS MOCHTE





* Den Jardin du Luxembourg. Neben dem Teich gibt es einen Stand, der kleine Segelboote verleiht. Stupst man sie mit einem Stock an, treibt der Wind sie im wildem Zickzack über den See, man schafft es kaum, am Ufer hinterher zu rennen. Auf dem altmodischen Karussell bekommen die Kinder kleine Stöckchen in die Hand, falls sie Lust haben, mit ihnen die Ringe zu fangen, die der Besitzer für sie in die Höhe hält. Neben dem Ausgang sitzen die Schachspieler. Um einen Tisch herum stehen viele Menschen, die beiden Spieler müssen sehr gut sein.

* Die Pains au chocolat von der Bäckerei Maison Landemaine. Buttrig, luftig, nicht so süß, was an der Bitterschokolade liegt, die unbeeindruckt unter all der Luftigkeit liegt wie eine Katze in der Sonne.

* Der Lebensmittelladen G. Detou. Erstaunlich klein für die schier unglaubliche Menge an Dingen, die man hier entdecken kann: Tee, Senf, Schokolade, Nüsse, Vanilleschoten. Am Ende bezahle ich bei der streng blickenden Dame an der Kasse eine Tüte Honigbonbons. Die sind genauso gut wie das Mittagessen danach. Über die Rue Montorgueil gehen wir zu Frenchie To Go. Auf der kleinen Karte stehen Burrata mit Pesto und Champignons, Reuben Sandwiches oder Fish & Chips – Namen, die unzureichend nüchtern sagen, was da Tolles auf den Teller kommt.

* Die Maiglöckchen-Sträuße, die am 1. Mai an jeder Ecke verkauft werden.

* Der Parc Marcel-Bleustein-Blanchet – schon beim letzten Mal einer meiner Lieblingsorte. Im kleinen Park auf der Rückseite von Sacré-Cœur sitzen Verliebte, Freunde, Familien, irgendjemand spielt Gitarre, No Woman No Cry, ich summe auch mit. Am Ende der Wiese gibt es einen kleinen Spielplatz mit einer Schräge, auf der Fanny immer und immer wieder hinunter rutscht.

* Das Stöbern nach französischer Kosmetik. Bei Buly zum Beispiel, einem Kosmetikladen, der aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Oder bei Oh My Cream (einem Tipp von Hanna). Bei Diptyque schnuppere ich mich durch alle Parfüms, weiß aber schon nach einer Sekunde, dass es ein ganz bestimmter und kein anderer Duft sein soll: das Eau Plurielle. (Merkwürdig, dass man sich in etwas vergucken, aber nicht verriechen kann, denn das würde es gut beschreiben: Liebe auf den ersten Atemzug.) In der berühmten Apotheke mit den besonders guten Preisen ist es so voll, dass ich gleich wieder gehe und mich lieber noch auf den Weg zu Bon Marché mache.

* Denn dort gibt es auch die Grande Epicerie. Umgebaut, seit wir das letzte Mal in Paris waren, und jetzt: schlicht sprachlos, glücklich, kicherig machend. Dürfte ich mich irgendwo eine Nacht einschließen lassen, dann bitte in diesem Supermarkt.

* Unser Picknick an der Seine, ihr Picknick. Nach unserem ersten Picknick will sie unbedingt noch ein zweites vorbereiten, aber ganz alleine. Wir dürfen nicht zusehen und auch nicht in die Tasche gucken, nicht mal ein bisschen, erst als wir uns auf eine Bank an der Spitze der Île Saint-Louis gesetzt haben, packt sie alles aus: ein halbes Baguette, Ziegenkäse, Honigbonbons, eine Orangensafttüte und ihren kleinen Bagger. Der will auf dem Spielplatz später noch schaufeln gehen.

* Der Vergnügungspark Jardin d´Acclimation. Wobei Vergnügungspark viel lauter klingt, als dieser Park es tatsächlich ist. Die Attraktionen sind herrlich altmodisch: kleine Boote, die auf einer Wasserbahn dahingleiten, bunte Enten, die man angeln kann, eine kleine Eisenbahn, die durch den Park fährt, dazwischen sehr viel Grün, daneben die Fondation Louis Vuitton.

* Durch das Marais zu bummeln. Die Mode im Kinderladen Bonton ist arg teuer, die Kleinigkeiten, die man im Erd- und Untergeschoss findet, sind dafür sehr bezahlbar. Und so hübsch: Tierradiergummis, bunte Armbänder, Geburtstagsblumenkronen – und neben der Kasse steht ein Passfotoautomat samt Verkleidungszubehör. Und Merci, der (völlig zurecht) beschwärmte Concept Store, ich mag ihn so. Auch toll: Soeur, Frenchtrotters, Swildens, der wunderschöne Marché des Enfants Rouges, das Café Charlot und Popelini – eine Patisserie, die ausschließlich kleine, gefüllte Windbeutel verkauft.

* Die Mur des je t´aime, eine Mauer neben der Station Abbesses, auf der in 250 Sprachen „Ich liebe dich” geschrieben steht.

* Das perfekte Sommerkleid zu finden, als ich gar nicht danach gesucht habe.

Mit nach Hause gebracht:
Einen kleinen U-Bahn-Faltplan, den Fanny in der Metro von einem Mann geschenkt bekam, als er sah, wie toll sie ihn fand. Handcreme von Caudalie. Ein neues Glücks-Armband von Merci. Orangen-Einwickelpapier. Tierradiergummis von Bonton. Und zwei Buttons. Reisefotos (am letzten Abend habe ich mir ein paar Lieblingshandyfotos als Polaroids bestellt). Visitenkarten von vier Lieblingsläden: dem französischen Restaurant Cassenoix, Frenchie to Go, Oh my Cream und Frenchtrotters. Ein Ticket fürs Lieblingskarussell (als Versprechen wiederzukommen). Eine Paris-Schneekugel für die Schneekugelsammlung. Das Eau Plurielle von Diptyque. Paris-Streichhölzer von Merci. Und ein Sommerkleid von & Other Stories.

UND WIE MACHST DU DAS, BERIT?


Name: Berit Walch
Alter: 36 
Mutter von: Nik und Jona 
Stadt: Ein kleines Örtchen bei München

Wie war es für dich, als du erfahren hast, dass du Zwillinge bekommst?
Ich kann mich an jede Sekunde dieser Situation erinnern. Ich sitze auf dem Behandlungsstuhl meiner Frauenärztin, die mit einem Ultraschallstab herumwurschtelt und betrachte den schwarz-weißen Bildschirm, auf dem ich eigentlich nie so richtig etwas erkenne, außer psychodelisch wabernde Flecken. Ich halte es für ein medizinisches Wunder, dass es einem menschlichen oder vielmehr ärztlichem Auge gelingt, auf diesen Dingern Nieren, Blasen und Magenwände auszumachen. Aber dann erkenne ich doch etwas. Zwei weiße Punkte. Moment mal. Hab ich Halluzinationen? Wieso zwei? Meine Frauenärztin, eine ältere, ebenso herzliche wie kurzsichtige Frau, die nicht wirklich die Souveränste im Umgang mit ihrem Ultraschallgerät ist, nestelt an ihren Instrumenten herum. Während ich immer noch Kopfrechenarbeit leiste, drückt sie permanent auf einen kleinen Knopf, von dem ich nicht die leiseste Ahnung habe, wofür er gut sein soll. Ich starre wie paralysiert auf den Bildschirm und frage: „Äh… Entschuldigung? Sind das da ZWEI Embryos???“ Sie runzelte die Stirn, rückt sich (eine gefühlte Ewigkeit) die Brille zurecht, heftet sich mit ihrer Nase vor den Bildschirm und nimmt mir die Sicht auf die zwei, nein halt, meine zwei Punkte. Am liebsten würde ich sie zur Seite schubsen. Dann höre ich einen Satz, der nach mehr als drei Jahren noch immer in meinen Ohren nachhallt: „Ach tatsächlich, das sind wirklich ZWEI!“ 

In diesem Moment prasseln Bilder aus der Zukunft über mich herein, als wäre die Glaskugel eines Wahrsagers zersprungen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich selbst Zwilling bin. Ich sehe mich mit zwei Babys auf dem Arm, sehe zwei Schultüten, vier kleine Schuhe auf dem Flur, zwei Geburtstagstorten auf dem Tisch. Ich werde von Wärme und Kälte zeitgleich durchflutet und lache und weine. Ich lache, weil ich als Zwilling weiß, dass es nichts Großartigeres auf der Welt gibt als eine Zwillingsschwester. Und ich weine, weil ich in diesem Moment das erste Mal in meinem Leben begreife, wie schwer es für meine Mama gewesen sein muss, uns beide groß zu ziehen. Eine Stunde und 100 weise Ratschläge meiner Ärztin später, taumele ich aus der Praxis, beseelt von dem Gefühl, ein unglaubliches Geheimnis in mir zu tragen, das nur ich und meine Frauenärztin kennen. Ich rufe meinen Mann an, um es mit ihm zu teilen. Das Glück strömt durch mich hindurch und Tränen über mein Gesicht, als ich sage: „Du wirst Doppel-Papa! Es sind Zwillinge!“

Wie kompliziert oder unkompliziert ist es, einen Kita-Platz für Zwillinge zu finden?
Meine Erfahrung: Für Großstadt-Mamis ist ein Kita-Platz mit Zwillingen ungefähr so realistisch, wie die Aussicht auf einen Morgen, an dem die beiden frisch geföhnt und selbstständig angezogen mit einem Frühstückstablett vor dem Bett stehen und fragen: „Mama, magst Du jetzt Croissant und Kaffee, oder nach dem Schaumbad, das wir gerade für dich eingelassen haben?“

Als wir damals noch in München wohnten, und ich gerade dabei war, meinen KITA-Triathlon oder besser den KITA-Iron-Man (ich klapperte mehr als 20 ab) zu bewältigen, hörte ich bei fast jeder Einrichtung folgenden Satz: „Zwillinge?! Da nehmen sie ja gleich zwei Plätze weg(!)“. Soviel dazu. Schlussendlich steckten mein Mann und ich unsere Kinder (und nahezu unser gesamtes Gehalt) in eine der teuersten KITAS Münchens, die – Überraschung – noch zwei Plätzchen auf ihren Yoga-Matten frei hatte. Als dann eines Tages unsere eineinhalbjährigen Kinder zur Oma statt „Gute Nacht“ „Good Night“ sagten, weil sie das in ihrem Englisch-Kurs in der KITA gelernt hatten, war das Maß voll. Wir flüchteten aufs Land. Unsere jetzige KITA, bei der wir sofort zwei Plätze bekamen, ist zwei Gehminuten von unserem Haus entfernt, kostet ein Viertel von dem, was wir vorher bezahlt hatten, und hat einen Garten, der so riesig ist, dass man Geo-Caching darin veranstalten kann. Ja, auf dem „Dorf“ ist die Welt einfach noch in Ordnung.

Unter welchen Bedingungen arbeitest du? Wie funktioniert das für dich?
Folgende Worte einer Freundin haben mir das Leben gerettet: 
„Berit, wenn du in Teilzeit wieder anfängst – nimm dir den Freitag frei!“ Liebe Ute, wenn du das liest: Dein Rat war das wahrscheinlich Weiseste, das jemals ein Mensch zu mir gesagt hat. DANKE! Nur so funktioniert es für mich: Ich arbeite von Montag bis Donnerstag von 09:30 bis 15:00 Uhr. Mein Tag splittet sich also in zwei Hälften: Wahnsinn am Vormittag in der Firma (mit ein bisschen Chaos davor – Stichwort: Zwillings-KITA-Logistik) und Wahnsinn am Nachmittag zu Hause (mit ein bisschen Chaos danach – Stichwort: Zwillings-Bett-Logistik). Beide Hälften liebe ich heiß und innig. Abends falle ich wie ein Stein ins Bett und anschließend ins Koma, aus dem mich gegen 1:15 ein  
„MAAAAAAAAAAAAAAAAMA“ von Nik und um 2:30 ein  
„MAAAAAAAAAAAAAAAMA“ von Jona reißt. Und am nächsten Tag? Geht der Wahnsinn in zwei Hälften wieder von vorne los. Da ist der Freitag dann schlichtweg das Licht am Ende des Wochentunnels. Mein Mann behauptet in seiner unendlichen Dreistigkeit doch tatsächlich, ich hätte an diesem Tag „frei“. Das ist so natürlich keinesfalls richtig, denn das impliziert ja, ich hätte freitags so etwas wie Urlaub. Falsch. Ich habe freitags REHA! 

Wieviel Zeit hast du für dich – jenseits deiner beruflichen und familiären Aufgaben? Reicht sie dir?
Hier meine Freizeitgestaltung knapp zusammengefasst: 
Montag bis Donnerstag 20:30 – 22:00 Uhr: Zeit für Hobbies (wie Schreiben/ Lesen/ Weißbier trinken), manchmal auch exakt in dieser Reihenfolge. 
Die weitere Stunde (um 23:00 Uhr falle ich ins Bett) kann man streng genommen nicht mitzählen, weil ich zu diesem Zeitpunkt bereits so müde bin, dass ich die Welt nur noch in Fragmenten wahrnehme (wobei dieser Zustand durchaus angenehm ist).

Einmal pro Woche 19:30 – 23:30: Mädels-Abend! 
Wir sind mittlerweile fast alle Mamis und zwingen uns mit viel Selbstdisziplin, diese Tradition aufrechtzuerhalten. 
Wenn wir unserem Schweinehund erstmal den Arschtritt verpasst haben (verzieh Dich, Töle, ich BRAUCHE ein Leben neben Windeln und Weichspüler!), in unserer Stamm-Kneipe sitzen und wie früher in einen Tratsch-Rausch verfallen, ist dieser Abend der schönste der Woche. Die Tatsache, dass das „Erwachen am Morgen“ grausam werden wird, können wir mit Enthusiasmus und viel Alkohol erfolgreich verdrängen. 

Einmal pro Woche FREI-Tags 8:00 – 15:00: Regeneration.
Ich genieße den Luxus, erst nach dem KITA-Gang zu duschen (und zwar exzessive 20 Minuten) und verbringe den Rest des Tages mit der wohl herrlichsten aller Freizeitbeschäftigungen einer Mutter: dem NICHTSTUN, dass ich nur bei ungeahnten Energieschüben mit Soft-Shoppen und einem Spaziergang kombiniere. 

Einmal pro Woche (je nach Absprache mit meinem Mann Samstag oder Sonntag) 23:00 – 09:30 verbringe ich meine Zeit mit der wohl zweitherrlichsten aller Freizeitbeschäftigungen einer Mutter: SCHLAFEN! 

Ob mir das reicht? Nein! Immer, wenn mir das bewusst wird, zähle ich die Tage, bis Nik und Jona endlich „groß“ sind, in die Schule gehen und ich wieder mehr Zeit für mich habe. Und immer wenn ich das denke, wird mir klar, dass ich JEDE SEKUNDE genießen, ja, aufsaugen muss, in der Nik und Jona „klein“ sind und mir meine Freizeit rauben. Denn letztlich sind es diese Momente, die mein Leben ausmachen: Wenn die zwei mich in den Wahnsinn treiben, weil sie ihre Schuhe verkehrt herum angezogen haben und darauf bestehen, so in die Stadt gehen zu wollen; mich mit einem „MAAAAAAAMA“ aus dem Schlaf reißen, weil ihr Kuscheltier verschollen ist oder sich Bauklötze auf den Kopf hauen, um zu überprüfen, wie das klingt. Meine Zwillinge sind die zeitraubendste, schönste Freizeitbeschäftigung, die ich mir vorstellen kann.  

Was empfindest du als besonders anstrengend?
Es sind die kleinen Momente, die das Dasein als Zwillings-Mami anstrengend machen. Zum Beispiel, wenn man seine Kinder an einer vielbefahrenen Straße aus dem Auto holen möchte. Für eine Mutter mit einem Kind ist das ein Handgriff, für eine Zwillingsmami Hochleistungs-Akrobatik. Hier eine kleine Turn-Anleitung: Man klemme das erste Kind, das man aus dem Auto gehoben hat, mit dem Kopf zwischen seine Schenkel, während man sich bereits dem Bandscheibenvorfall nahe, in das Fahrzeug beugt, um das zweite Kind abzuschnallen. Wuchte es dann neben den Zwillingsbruder (ohne den dabei versehentlich zu zerquetschen) und rufe den aufgebrachten Passanten, die gerade im Begriff sind, das Jugendamt einzuschalten zu: „Guckt nicht so doof, das gehört so!“ 

Was macht dich besonders glücklich?
Es macht mich glücklich, dass jeder Tag mit meinen Kindern wie eine Reise in meine eigene Kindheit ist. Sie erinnern mich daran, dass ein Kind immer reich ist. Wie wertvoll Tannenzapfen, Schneckenhäuser und Kronkorken sind. Sie erinnern mich daran, wie es ist, sich für kleine Dinge Zeit zu nehmen. Wenn man auf dem Weg zur KITA (die man eigentlich binnen zwei Minuten abgehetzt erreichen müsste, um noch rechtzeitig zum Frühstück zu erscheinen) ein Blümchen am Wegrand, ein Flugzeug am Himmel oder eine Kippe auf der Straße bewundert. Sie erinnern mich daran, dass es das größte aller Gefühle ist, wenn man etwas selbst geschafft hat; dass es natürlich ein Drama und keine Kleinigkeit ist, wenn eine Mama aus der KITA die kleine Pforte zum Gruppenraum aufgemacht hat, obwohl man das eigentlich selbst machen wollte. Sie erinnern mich daran, wie wichtig es ist, neugierig zu bleiben. Wie dringend man einen alten Schal inspizieren muss, der im Gebüsch hängt. 

„Mama, was ist das?“  
„Ein alter Schal.“  
„Wer hat ihn da hingeworfen?“  
„Keine Ahnung. Irgendjemand.“  
„Warum?“  
… 

Es macht mich jeden Tag glücklich, dass ich die Welt durch die Augen meiner Kinder sehe.


Auf dem amerikanischen Blog „Kveller - Life with Twins” schreibt Adina Kay-Gross: „Holy Crap! Twins?? That´s what we hear on a regular basis, usually as we walk around the neighborhood with our mammoth stroller loaded with our 4-month-old twin girls. We are a magnet for kind and curious comments from strangers. (...) The questions continue to come: „Twins?! Holy Crap. What´s that like, having two? And that´s usually followed by: „I cannot. Even. Imagine.” Hast du ähnliche oder ganz andere Erfahrungen als Zwillingsmama gemacht? 

Exakt dieselbe, nur das sich das in Bayern so anhört: 
„Ja do legst di nieda, zwoa glei? Naa, des kannt‘ i ned!“ 
(= „Ja, sowas, zwei gleich? Also ich könnte das nicht!“ )

Ich antworte dann immer, dass ich ja nicht wissen kann, wie es ist, nur ein Kind großzuziehen. So, wie ein Mensch, der ohne Beine geboren wird, auch nicht weiß, wie es ist, Füße zu haben. 

Welche Fragen werden dir andauernd gestellt – und wie beantwortest du sie? 
Es ist wirklich lustig, aber die häufigste Frage, wenn ich mit meinen beiden Kindern, die sich wie ein Ei dem anderen gleichen, durch die Straßen gondele, ist folgende: „Sind das Zwillinge???“ Ich antworte dann (wahlweise): „Nein, das ist das Kind unserer Nachbarn, das meinem verblüffender Weise zum Verwechseln ähnlich sieht.“ Oder eben schlichtweg: „Ja.“  

Was hast du durchs Muttersein über dich und die Welt gelernt, das du vorher nicht wusstest?
Ich wusste nicht, wie schön es sich anfühlt, wenn deine Kinder bei dir auf der Brust liegen, in andächtiger Stille, weil du ihnen die Geschichte von Minimaus und dem Mond erzählst und du erst nach einer halben Stunde merkst, dass sie dir gar nicht zuhören, sondern schlafen. Ich wusste nicht, wie schön es klingt, wenn deine Kinder in schiefen Tönen und voller Inbrunst „Meine Oma fährt im Hühnerstall „Totorrad““ singen. Ich wusste nicht, wie gut die Haare deiner Kinder riechen, selbst wenn du sie zwei Wochen lang nicht gewaschen hast, weil Haarewaschen einem Nahkampf gleich kommt. Vor allem aber wusste ich nicht, was echte Angst bedeutet. Bevor ich Mutter wurde wusste ich nichts.

Gibt es wirklich eine besondere Bindung zwischen Zwillingen?
Oh ja, die gibt es. Ich weiß es spätestens seit folgendem, magischen Moment. Meine Zwillinge kamen viel zu früh, in der 29. Woche, als sogenannte „Extrem-Frühchen“ zur Welt. Jona wog 1.500 – sein Bruder 1.000 Gramm. Beide wurden nach der Geburt getrennt und in separaten Inkubatoren aufgepäppelt. Beim sogenannten „Känguruhen“, bei dem der Mutter das Kind auf die Brust gelegt wird, damit es die Wärme und den Herzschlag seiner Mama spüren kann, wechselte ich mich mit beiden ab. Vormittags känguruhte ich mit Nik, nachmittags mit seinem Bruder. Als es Jona eines Tages sehr schlecht ging, und seine Sättigungswerte immer weiter in den Keller rauschten, beschloss eine Krankenschwester, Nik dazu zu holen. Es war eine sehr aufwendige Prozedur, ihn aus dem anderen Zimmer mit all den Geräten und all den Schläuchen zu seinem Bruder auf meine Brust zu betten. Aber dann war es soweit. Nik sah Jona, mit dem er sich sieben Monate lang eine Bauch-WG geteilt hatte, nach zwei Wochen Trennung das erste Mal wieder. Erst drehte er sein Köpfchen und schien sich zu wundern. Dann umklammerte er mit seinem winzigen Arm seinen Bruder, als wolle er ihn begrüßen. Es war ein unbeschreiblicher Moment – für uns alle. In wenigen Minuten stabilisierte sich Jonas Sättigung und sein Herzschlag. Von diesem Tag an känguruhten wir nur noch zu dritt. 

Du hast in deiner Elternzeit ein Buch geschrieben. Wie kam es dazu und wie war das für dich?
Schon als kleines Mädchen liebte ich es, Geschichten zu schreiben. Ich schrieb über Kaulquappen und Baumhäuser, darüber, wie es wäre Forscherin zu sein, über Räuber, die sich im Park versteckten und Wassermänner, die in Flüssen lebten. Als ich dann als 10-Jährige einen Schreibwettbewerb gewann, der Bürgermeister mir die Hand schüttelte und ich staunend feststellte, dass sogar ein Fotograf ein Bild von mir wollte, beschloss ich, Schriftstellerin zu werden. Aber wie das mit Kindheitsträumen so ist – es sind eben Träume, und mit denen verdient man kein Geld. Ich wurde Journalistin beim Fernsehen. Immerhin, hier durfte ich schreiben. Ich schrieb mal Moderationstexte, mal Treatments. Ich schrieb Drehbücher und Konzepte. Letztlich aber schrieb ich Papier voll. Über das, was ich liebte, schrieb ich nicht. Vielleicht wäre das auch für immer so geblieben, wenn ich eben nicht Mama von zwei Frühchen geworden wäre. Diese beiden Winzlinge (die heute gar nicht mehr winzig sind, sondern 3-jährige propere Jungs) sorgten dafür, dass ich mich daran erinnerte, wer ich wirklich war, und was ich wirklich wollte. Als ich mit ihnen Stunden, Tage und Wochen in einem Klinikzimmer auf einem Klappstuhl verbrachte, stand meine Welt still. Als hätte jemand auf eine Bremse getreten. Das Leben, durch das ich bis dahin gehetzt war wie eine Getriebene, spielte sich in Slow-Motion ab. Es gab nur mich, den Stuhl, meine beiden Kinder auf meiner Brust – und meine Geschichten. Mal dachte ich sie leise, mal erzählte ich sie den Zwillingen in ihr Ohr. Sie waren unsere Begleiter in einer kleinen, surrealen Welt, einem Klinikraum der Neointensiv München. Als ich meine Zwillinge dann endlich – nach fast 3 Monaten Klinik – über die Türschwelle in unser Zuhause trug, war es, als hätte man mich aus einem Käfig entlassen. Ich war nicht mehr Stunden um Stunden an einen Stuhl gefesselt. Ich durfte meine Kinder aus ihrem Bettchen heben, ohne vorher eine Schwester zu fragen. Ich konnte sie auf dem Arm herumtragen, ohne sie vorher von Kabeln und Schläuchen zu befreien. Ich war frei. Meine Kinder waren frei. Und weil sie das Känguruhen nicht mehr brauchten, sondern in ihren Bettchen schliefen, hatte ich plötzlich unendlich viel Zeit. Und so begann ich nach Jahren wieder eine Geschichte zu schreiben. Eine lustige (schließlich hatte ich die Wochen zuvor genug Tränen vergossen). Ich schrieb über eine junge Frau, die in München lebt, und taufte sie Milla. Ich schrieb über Milla, die von ihrer großen Liebe Tim verlassen wird, und dadurch in ein riesiges Chaos schlittert. Ich schrieb „30 Tage nach Tim“, einen Roman, der am 8. April bei forever by Ullstein veröffentlicht wurde. Und wenn ich das Cover des Buches heute betrachte, dann weiß ich, dass das Schrecklichste, das dir im Leben passieren kann, manchmal das Beste in dir hervorbringt. 

Falls ihr diesen Fragebogen so gerne gelesen habt wie ich: Hier gibt es eine Leseprobe von „30 Tage nach Tim“ (Ullstein/ Forever). Alle anderen Mutterfragebögen sind hier nachzulesen.
Herzlichen Dank, liebe Berit.
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