WIE GLÜCKLICH BIST DU?
EIN GESPRÄCH MIT LIFE-COACH LEA VOGEL

Vor einer Weile habe ich für die Zeitschrift Flair eine Geschichte über Wendepunkte im Leben geschrieben und dafür Lea Vogel interviewt. Lea ist Life- und Personalcoach, und aus dem eigentlich ziemlich kurzen Interview wurde damals ein langes Gespräch. Zu sagen, dass ich sehr beeindruckt von Lea war, wäre eine ziemliche Untertreibung. Die Dinge, über die wir damals (und danach) gesprochen haben, sind lange in meinem Kopf geblieben – und sind es noch. Sie haben bei mir viel in Bewegung gebracht. Deshalb möchte ich euch Lea heute gerne vorstellen (wenn ihr sie nicht sowieso schon kennt): mit einem Gespräch über das Leben und das Glücklichsein, über die Dinge, mit denen man sich so gerne selbst im Weg steht und über Dankbarkeit.

Liebe Lea, lass uns vielleicht ganz vorne anfangen: Was genau tust du als Lifecoach?
Bei dieser Frage komme ich gerne mal vom Hundertsten ins Tausendste, aber ich gebe mein Bestes, um mich diesmal kurz zu fassen: Das Leben ist bunt, vielseitig, laut, rasant und komplex. Nicht immer erleben wir das als angenehm, in manchen Lebenssituationen wird es uns einfach viel zu viel. Dann sind wir erschöpft, überfordert, gereizt, deprimiert, können uns nicht entscheiden und sind einfach müde. Die hohe Fluktuation in unserer Gesellschaft, die Schnelligkeit der Informationsübermittlung sowie die zahlreichen Vergleichsmöglichkeiten dank der sozialen Netzwerke stellen hohe Anforderungen an uns Menschen – hier braucht es eine gute Widerstandskraft, um unsere Grenzen zu erkennen und zu berücksichtigen und nicht ungewollt über sie hinaus zu schießen. Kurzum: Ich begleite Menschen in herausfordernden Situationen, versuche, zusammen mit ihnen wieder mehr Klarheit ins Chaos zu bringen und im Hier und Jetzt Ziele zu entwickeln, die zur Persönlichkeit passen und sich gut anfühlen. 

In welchen Situationen wenden sich Menschen an dich?
Hattest du vielleicht selbst schon einmal eine echt schwierige Zeit im Leben, die dich hat zweifeln lassen? Ich persönlich kenne solche Situationen nur zu gut. Menschen wenden sich an mich, wenn sie überfordert sind, wenn sie merken, dass sie irgendwie unzufrieden sind, aber nicht genau wissen, woher dieses Gefühl genau kommt. Oft macht uns der eigene Wert zu schaffen, wir glauben gerne, dass andere besser sind und das Gras woanders grüner ist. Natürlich stimmt das nicht. Aber das in der Theorie zu verstehen, reicht leider oftmals nicht aus – wir fühlen uns trotzdem hundsmiserabel. Im Coaching geht es um ein neues Bewusstsein für sich selbst, um Akzeptanz, das Erkennen von Potenzial und darum, das Selbstbewusstsein zu stärken – denn genau darin liegt so oft die Wurzel zahlreicher Probleme. Soll heißen: Es geht darum, destruktive Muster zu durchbrechen und die neue Kraft dafür zu nutzen, um (endlich!) Freundschaft mit sich zu schließen und an Herausforderungen zu wachsen. Denn mal ehrlich: Wir sind 24 Stunden am Tag mit uns selbst zusammen – es wäre doch schade, wenn wir immer so streng mit uns wären, oder?!

„Es geht darum, destruktive Muster zu durchbrechen”

Triffst du häufig auf Menschen, die gerne mehr Selbstbewusstsein hätten? Was empfiehlst du ihnen?
Klar! Das ist doch ein Thema, von dem sich nur die wenigsten wirklich frei machen können, oder? Ich glaube, es ist harte Arbeit, bis man sich seiner selbst wirklich völlig bewusst wird. Ich glaube aber auch, dass dieses Sich-Kennenlernen samt aller Schwächen und Stärken ein wahnsinnig schöner, wenn auch anstrengender Prozess ist. Bevor man sich seiner selbst bewusst wird und bevor man seinen eigenen Wert immer und in jeder noch so schwierigen Situation greifbar parat hat, braucht es eine Phase der Selbstakzeptanz.  Erst wenn man wirklich (!!) akzeptieren kann, wer man ist und nicht ständig im „Wenn-dann-Modus” (wenn ich erst einmal befördert werde, wenn ich erst einmal diese Wohnung habe, wenn ich erst einmal fünf Kilo abgenommen habe) lebt, ist man weniger beeinflussbar durch externe Bewertungen und kann sich freier machen von dem, was die anderen so über einen denken. 

Wie kann man sich so ein Coaching ungefähr vorstellen?
Ein Coaching ist eine Gesprächsintervention, in der mein Klient meine absolute Aufmerksamkeit hat. Mit Empathie, lösungsorientierten Fragen und vielen Erfahrungswerten unterstütze ich ihn dabei, Blockaden zu erkennen, Ziele zu definieren, Räume zur Entfaltung zu schaffen und Entscheidungen besser treffen zu können. Wenn man allerdings gerade aus einer schwierigen Trennung kommt oder das Leben im Umbruch ist, dann braucht man erst einmal wieder Kraft. Selbstverständlich arbeiten wir dann am Umgang mit der neuen Situation und schauen, wo es Kraftreserven gibt und wie man diese am besten aktivieren kann. In diesem Fall bin ich diejenige, die objektiv sehen kann, weil ich emotional nicht involviert bin. Das ist ein klarer Vorteil und kann helfen, auch in Richtungen zu blicken, die mein Klient vielleicht noch für ausgeschlossen hält.

Weil du eben von Objektivität gesprochen hast: Wie kann man es denn eigentlich schaffen, einen objektiveren Blick auf das eigene Leben zu bekommen? 
Ehrlich? Gar nicht. Wir sind als Menschen subjektiv mit unserem Leben, das wird auch immer so bleiben, es geht einfach gar nicht anders, ist ja aber auch so schön. Nur auf diese Weise werden Situationen besonders, Menschen wertvoll und Erinnerungen ewig. Dennoch kann es in herausfordernden Situationen helfen, das eigene Leben durch die Augen eines Freundes oder eines Fremden zu betrachten – möglichst wertfrei. Dann verschieben sich Relationen und das Leben bekommt manchmal eine neue, häufig positivere Perspektive.


Ein Wort, das ich von mir selbst, aber auch von vielen Freunden kenne, ist eigentlich. Eigentlich ist alles ganz gut, eigentlich bin ich ganz glücklich, aber irgendwie ist da immer das Gefühl, das noch irgendetwas fehlt zum Glück. Nichts Großes, nichts Wesentliches, aber etwas piekt da. Und dann kommen so viel Leben und Alltag dazwischen, dass ich es kaum je schaffe, mich damit auseinanderzusetzen, was dieses Eigentlich verschwinden lassen könnte. Ist das Jammern auf hohem Niveau? Oder stehen mir bloß die eigenen Ansprüche oder ein sehr überhöhtes Bild vom Glücklichsein im Weg?
Wenn ich unsere Zeit und die Menschen darin betrachte, fällt mir schon auf, dass wir sehr auf den Mangel fokussiert sind. Wir achten einfach besonders stark auf das, was noch fehlt. Das sorgt natürlich dafür, dass wir unzufrieden sind und innerlich immer nach ein bisschen mehr streben. Dieses Streben kann natürlich auch produktiv genutzt werden und uns zu neuen Herausforderungen führen. Garantiert bringt es aber auch Unzufriedenheit mit sich und führt dazu, dass wir uns getrieben fühlen und ruhelos werden – das wiederum gibt uns das Gefühl, nicht geerdet zu sein, was wiederum dazu führt, dass jeder Windstoß uns umhauen kann. Du siehst, da hängt auch eine wunderbare Spirale dran! In diesem Fall setze ich auf eine stark unterschätzte Kraft: Dankbarkeit. Ich weiß, es klingt banal und vielleicht auch gar nicht neu. Die Aufmerksamkeit aber einmal konsequent auf das zu lenken, was bereits da ist und sich dabei nicht mit anderen zu vergleichen, hilft enorm und steigert das Gefühl des Glücklichseins. Kein Leben ist statisch und Glück ist nichts, das man einmal erlangt hat und dann einfach beibehält – vielmehr ist es das Streben nach Glück, das unserem Leben erst einen Sinn gibt und die Glücklicheren unter uns schaffen es eben, im Abgleich zwischen Ist- und Sollzustand auf das bereits Erreichte zu achten. Das tut gut und stärkt gleichzeitig das Vertrauen in uns selbst.

„Die Aufmerksamkeit mal konsequent auf das zu lenken, was bereits da ist und sich dabei nicht mit anderen zu vergleichen, hilft enorm”

Auf deiner Website steht ein Satz des Sportpädagogen und Bestseller-Autors Tim Gallwey: „Der Gegner im eigenen Kopf ist viel schlimmer als der Gegner auf der anderen Seite des Netzes.” Warum hältst du diesen Satz für wichtig?
Weil ich wirklich davon ausgehe, dass das, was uns am meisten bremst, die innere Haltung zu uns selbst und zu den äußeren Umständen ist. Versteh mich bitte nicht falsch, mir ist durchaus bewusst, dass schlechte Rahmenbedingungen dazu führen können, dass wir Ziele nicht erreichen und Wünsche uns verwehrt bleiben. Geld, Prestige und Chancenungleichheit sind nur einige der Faktoren, die hier mit hineinspielen können. Letztlich sind es aber wir, die das Erlebte in einen Kontext betten und es negativ oder positiv bewerten. Nehmen wir mal ein alltägliches Beispiel: Ein Single in Berlin, der sich wirklich nach einer Partnerschaft sehnt, ist an zahlreichen Dates gescheitert, hat vielleicht mit verschiedenen Kandidaten ganz ähnliche schmerzhafte Erlebnisse gehabt, wurde oft zurückgewiesen und glaubt inzwischen, dass es unmöglich ist, eine glückliche Beziehung zu finden. Vielleicht weil er inzwischen denkt, dass er nicht liebenswert ist, vielleicht weil er glaubt, dass alle „auf dem Markt” Bindungsangst haben und das Liebesglück wohl eher etwas für andere ist. Es ist völlig normal, dass diese Situation frustrierend ist und irgendetwas mit dem Selbstwert macht. Jetzt können wir aber entscheiden, ob wir unserem Gegner im Kopf glauben, der uns einredet, dass es beim nächsten Mal wieder scheitern wird, weil das ein verlässlicher Erfahrungswert ist und wir ohnehin nicht liebenswert sind. Oder aber wir erkennen diesen Gegner an und versuchen, uns aus der Negativspirale herauszumanövrieren. In diesem Fall geht es um das Selbstbild, um das, was wir glauben, verdient zu haben. Daraus entstehen dann viele logische Konsequenzen wie zum Beispiel auch, dass wir unser zukünftiges Date vielleicht genauer unter die Lupe nehmen und uns nicht so schnell einlassen und immer darauf achten, wie es uns mit der Situation geht und was wir brauchen, statt darauf zu achten, was der andere sich jetzt vielleicht wünscht oder von uns erwartet. Aber das ist nur eines von vielen Beispielen und du merkst, ich könnte auch wieder ausschweifen…

Du bietest einen Workshop mit dem Titel „Wie glücklich bist du?” an. Dabei geht es um die Frage: „Was will ich wirklich und was hindert mich im Moment noch daran”. Ist das eine Frage, die du häufig zu hören bekommst? 
Ich höre diese Frage sehr oft und ich habe sie mir auch schon oft gestellt. In einer Welt, in der es im Prinzip alles gibt, ist es gar nicht so leicht herauszufinden, was uns – mal abgesehen von den Grundbedürfnissen – wirklich glücklich machen würde. Da braucht es viel Geduld und noch mehr Fingerspitzengefühl, um sich der Antwort zu nähern.

Wie gehst du diese Frage also an?
Mit ehrlichem Interesse. Und das soll keine Phrase sein. Menschen interessieren mich und es ist schön zu sehen, wie sich jemand auf den Weg zu sich selbst begibt. Aber ein wirklich kleiner Start könnte sein: Wie wäre es denn, wenn man bloß fünf Minuten am Tag etwas täte, was man wirklich mag. Etwas, das einem das Gefühl gibt, ganz bei sich zu sein. Ganz ohne „du solltest doch aber”, oder „es wäre doch jetzt besser, wenn”, ganz ohne Druck und ohne „müsste, sollte und hätte doch”. Es braucht vielleicht eine Weile, bis man wirklich merkt, was einem gut tut, aber da fällt mir ein Zitat von Mark Twain ein, das mich in solchen Situationen immer vorantreibt: „The two most important days in your life are the day you are born and the day you find out why.”


Man kann sich auch an dich wenden, wenn man vor einer großen Entscheidung steht. Oder gerade eine schwierige Zeit durchmacht, weil es eine große Veränderung im Leben gibt. Was passiert in solchen Phasen des Lebens im Kopf und was ist in solchen Situationen hilfreich?
Im Prinzip ist das eigene Leben wie ein in sich geschlossenes System. Und Systeme neigen dazu, sich zu erhalten. Das bedeutet, dass fremdbestimmte Veränderungen zunächst als unangenehm empfunden werden und einem im schlechtesten Fall richtig den Boden unter den Füßen wegziehen können. In einer solchen Situation ist es wichtig, die eigenen Ressourcen zu stärken und darauf zu achten, was einem gerade noch Stabilität und Kraft gibt. Darauf muss dann aufgebaut werden. Erst dann sollte das Leben in neue Bahnen gelenkt werden und erst dann sollten neue Zielvisionen entstehen. Nachsichtigkeit mit sich selbst ist dann sehr wichtig, gleichzeitig aber auch das Bewusstsein dafür, dass man nicht in ein Loch fällt, sondern dort für eine Zeit (mehr oder minder freiwillig) hineingeht. Dementsprechend kann man auch eigenmächtig wieder hinauskommen, wenn es so weit ist. Das Gefühl, der Bestimmer seines eigenen Lebens zu sein, ist hierbei von großer Wichtigkeit.

Du machst dir als Lifecoach jeden Tag Gedanken über das Leben. Gibt es grundsätzliche Gedanken oder Tipps, wie man es schafft, ein wenig leichter durch das Leben zu gehen – oder lässt sich das nicht verallgemeinern?
Das ist eine Frage, die für mich wirklich wesentlich ist. Leichtigkeit ist ein großes Gut und gerade Menschen, die an der eigenen Selbstentwicklung interessiert sind und viel hinterfragen, büßen sie häufig ein. Ich glaube, die Antwort lässt sich nicht verallgemeinern, dennoch gibt es etwas, das zumindest für mich funktioniert. Als Erstes habe ich einen „moral holiday” eingeführt, der es mir erlaubt, nicht jeden Gedanken zu Ende denken zu müssen. Soll heißen: Ich überprüfe, ob mich der Gedanke weiterbringt, ob es wahrscheinlich ist, dass ich am Ende zu einem Ergebnis komme (gutes Beispiel hierfür ist Brainstormen) – dann ist er erlaubt und sogar herzlich willkommen. Sollte die Prüfung aber ergeben, dass der Gedanke abwärts geht, dass ich von der einen Angst in die nächste rutsche und im Worst Case versinke, dann lege ich Veto ein und stoppe den Gedanken. Ich weiß, das ist auch so etwas, das in der Theorie gut klingt und in der Praxis eher schwierig umsetzbar ist – aber glaub mir, es lässt sich üben. Außerdem: Humor. Wir nehmen uns einfach immer viel, viel zu ernst. Und das Ganze auch manchmal noch getarnt unter dem Deckmantel der Tiefgründigkeit. Ich übe mich gerade darin, Dinge leichter zu nehmen. Es ist wie mit dem Autofahren: Zu Beginn passiert das noch ganz bewusst und überhaupt nicht automatisch, irgendwann sollte sich der Kopf aber daran gewöhnt haben – da bleibe ich ganz optimistisch!


„Wir nehmen uns einfach immer viel, viel zu ernst”

Wie war das eigentlich bei dir? Du hast Linguistik studiert, in der PR und als Lektorin gearbeitet und hast dich dann, mit gerade einmal 28 Jahren, zum Coach ausbilden lassen. Wie kam es dazu? Und was hat dir dabei geholfen, diesen großen Schritt zu gehen?
Ich komme aus der Kommunikation und der Literatur, habe aber nebenher immer Seminare belegt, die mit der eigenen Selbstentwicklung zu tun hatten. Damals klang das noch sehr schräg und wirkte auf manche beinahe esoterisch, zumindest immer spirituell. Vielleicht ist es das ja sogar irgendwie, ich will dem Kind gar keinen Namen geben. Ich glaube, mein Bedürfnis danach, meinen Platz auf der Welt zu finden, war so groß, dass ich nie wirklich viel Raum hatte für die Sorge ums Scheitern – das hat mir sicher geholfen. Was mich aber zusätzlich unterstützt hat, waren meine Familie und die Menschen, die mich immer und immer und immer wieder gerade gerückt haben, wenn ich meine Haltung verloren hatte und dazu neigte einzuknicken. Außerdem: Einen Schritt gehen. Auch wenn die Richtung noch nicht klar ist. Jeder neue Schritt ist besser als Stillstand. 



Bist du glücklich, diese Entscheidung damals getroffen zu haben? 
Jeden Tag. Und unfassbar dankbar.

Gab es bei dir auch ein Gefühl, das dir gesagt hat: Irgendetwas stimmt noch nicht in meinem Leben?
Oh, ja. Und das Gefühl war kaum auszuhalten. Es fühlte sich immer an, als würde mir der Schuh nicht so recht passen wollen. In meiner PR-Zeit fühlte ich mich ständig fehl am Platz und konnte nicht verstehen, was mit mir nicht stimmt, denn das war doch „eigentlich” ein so guter Job. Aber im Endeffekt hat das dazu geführt, dass ich meine Fühler ausgestreckt und versucht habe, bei mir zu bleiben und trotzdem (oder gerade deswegen?!) glücklich zu werden. 

Eine letzte Frage: Was kann man eigentlich tun, wenn ein Mensch, der einem nahe steht, gerade eine schwierige Zeit durchmacht?
Man kann einfach da sein und zuhören. Ich weiß, wir würden dann so gerne helfen und machen tausend Lösungsvorschläge, nur um unserem Freund schnell aus dem Elend zu helfen. In dem Fall hilft es aber, sich noch einmal den Unterschied zwischen Sympathie und Empathie klar zu machen. Nehmen wir an, unser Freund steht vor einer Scheidung. Ein sympathischer Mensch würde sagen: „Oh Mann, das tut mir leid. Aber sieh es mal so, immerhin warst du mal verheiratet, ich habe nicht einmal einen Partner!”. Damit versuchen wir, ihm ein besseres Gefühl zu geben und Leid mit Leid aufzuwägen. Unser Freund wird sich dadurch allerdings nicht besser fühlen, auch wenn es gut gemeint ist. Ein empathischer Mensch würde hingegen so etwas sagen wie: „Oh Mann, das tut mir wahnsinnig leid. Das muss schlimm sein. Ich glaube, ich kann mir etwa vorstellen, was du gerade durchmachst. Ich bin da für dich, wann immer du mich brauchst.” Ein kleiner, aber sehr essenzieller Unterschied. 

Herzlichen Dank, liebe Lea.
Hier ist ihre Website und hier ein paar Informationen zu ihrem aktuellen Workshop „How Happy Are You?” und zum Thema Life-Coaching.

DER JANUAR 2016 (UND WAS IHN GUT GEMACHT HAT)





Das Jahr hat gerade angefangen, da ist der Januar auch schon wieder rum. Netterweise hat er sich gar nicht so januarlich wie in den letzten Jahren angefühlt. Ob es daran lag, dass ich mir zur Abwechslung mal so ziemlich gar nichts vorgenommen habe (außer mehr Pausen einzulegen)? Der Januar 2016 war jedenfalls gut. Weil wir einem Schneemann ein Schneekind gebaut haben. Weil es Pfannkuchentorte zum Sonntagsfrühstück gab. Und weil:

.... ich es so schön finde, dass Stepha und ich fünf Jahre nach unserem ersten Kaffee-Blind-Date immer noch Freundinnen sind. Darauf ein gemeinsames Passfoto!

... weil ich ein zartes, weißes Top gefunden habe, das schon nach Frühling aussieht. Und ich meine goldenen Boots wiederentdeckt habe.

... ein anstrengender Montagmorgen mit frischen Blumen plötzlich nur noch halb so anstrengend war.

... uns das Rijksmuseum den schönsten Nachmittag seit langem beschert hat. Letztes Jahr hat sich das Amsterdamer Museum die Aktion #startdrawing ausgedacht und alle Besucher dazu aufgefordert, die Bilder, die sie sich im Museum ansehen, doch lieber abzumalen, statt sie zu fotografieren. Weil Fanny und ich diese Idee so mochten, haben wir das am Sonntagnachmittag im Hamburger Bahnhof auch gemacht. Irre, wieviel Spaß das macht. Was man plötzlich alles in einem Bild entdeckt, wenn man lange und genau hinsieht. Und was sie in den Bildern von Andy Warhol gesehen und entdeckt hat (was mir nie aufgefallen wäre). Bei einem Stück Kirschstreuselkuchen haben wir beschlossen, das jetzt öfter zu machen. Vielleicht mit einem Museum von dieser Liste?

... ich seit Ewigkeiten endlich mal wieder in eine Sneak-Preview gegangen bin. Gezeigt wurde „Anomalisa”, ein Film, der ungefähr von jedem geliebt und beschwärmt wird, der ihn gesehen hat. Nur meine Freundin und mich hat dieser Film merkwürdig kalt gelassen. Falscher Tag, falsche Stimmung? Habt ihr ihn schon gesehen?

... ich diesen Song so mochte.

... mich diese Geschichte so durchgeschüttelt hat.

... und die Worte dieses Mannes.

... ich ein paar Mal „Der erste fiese Typ” von Miranda July aufgeschlagen habe, das ich zu Weihnachten bekommen habe – mit einer Widmung der Autorin. Wie toll ist das?

... ich so gerne schöne Listen lese. Listen wie diese hier: „A Small List of Just Right Things". Auf meiner Liste stünde: Der Geruch von gerade ausgemachten Streichhölzern. Der erste Biss in einen genau richtig sauren Apfel. Die erste Seite von einem Buch zu lesen und zu wissen, dass man es sehr mögen wird. Und eine SMS von der Person zu bekommen, an die man gerade gedacht hat.

... es so viele schöne Listen gibt. Diese hier mag ich auch sehr: „26 Things Every Person Should Do For Themselves At Least Once A Year”.

... diese Bilder so unfassbar schön sind. Island!

... ich die Idee so mag, auf einer Website Lieblingssätze zu sammeln – wie Rachel Ball es auf „A Love of Sentences” macht. Ich notiere mir auch immer ganz viele Sätze. Leider in so viele verschiedene Notizbücher und Kalender, dass ich all die Schönheiten, die ich gerade gefunden habe, meistens sofort wieder verliere.

... und weil das Muxmäuschenwild-Magazin mich auf Christopher Hermelin gebracht hat (übrigens ein ganz fantastischer Newsletter!): Der New Yorker schreibt auf seiner 10 Dollar-Schreibmaschine Kurzgeschichten für Fremde, stand da. „Jeder der mag, kann sich live und vor Ort oder auf seiner Projekt-Website für eine eigene kleine Geschichte anmelden. Je nach Entfernung dauert es zwischen sieben Minuten bis zu knapp zwei Wochen vom ersten Anschlag bis zum persönlichen Lesevergnügen.” Da mache ich aber sowas von mit.



Wie war denn euer Januar? Seid ihr gut in dieses Jahr gekommen? Ich hoffe es. Habt ein schönes Wochenende.

Video: The Roving Typist from Mark on Vimeo.

LIEBLINGSLÄDEN IN BERLIN: PAPIER TIGRE




Eigentlich ist dieser Laden eine Gemeinheit, und man darf ihn überhaupt nicht empfehlen. Jedenfalls nicht, wenn man – wie ich – anfällig für schöne Dinge ist, vor allem aus Papier. Als ich an „Papier Tigre” in der Mulackstraße vorbeiging, hatte ich es eilig. Eigentlich wollte ich woanders hin, ein Geschenk für meine Schwester kaufen, und es fing gerade an zu regnen. Aus einmal kurz reingucken wurde eine halbe Stunde und eine ziemlich große Einkaufstüte – mit dem gesuchten Geschenk und zwei Notizbüchern, mit Anhängern (die es im Laden auch einzeln gibt), einem Glitzerstift für Fanny und Schokolade für zwei Freundinnen. Das nächste Mal werde ich hier auch einen Kaffee trinken. Zum Laden gehört nämlich auch das Garcon de Café, das von Henri Baudon geführt wird. Was für ein toller Laden. Und was für eine schöne Idee (die wie so viele gute Ideen eine ganz einfache ist): Agathe Demoulin, Julien Crespel und Maxime Brenon aus Paris möchten mit ihren Produkten den Alltag verschönern. Also haben sie 2012 den „Papier Tigre”-Store (5, rue des Filles du Calvaire) eröffnet, in dem man Schreibutensilien, Hefte und Karten, Geschenkpapier, Kalender und Sticker, aber auch Duftkerzen von Kerzon und Patches von Macon & Lesquoy bekommt. Seit November gibt es auch diesen Laden in Berlin-Mitte. Die Herstellung erfolgt zu 95 Prozent in Frankreich, verwendet werden dabei ausschließlich recycelte Kartonagen. Hübsch, oder?




Papier Tigre, Mulackstr. 32, 10119 Berlin, Di-Fr: 11-19 Uhr, Sa: 11.30-19.30 Uhr, Café: Di-Fr 9-18 Uhr, Sa: 11-19 Uhr. Wer nicht in Berlin wohnt, kann im Onlineshop vorbeischauen (im Frühjahr gibt es auch einen deutschen). Alle Bilder: Papier Tigre.

WAS GIBT`S ZUM ABENDBROT?
SOBANUDELN MIT AUBERGINE UND MANGO




Eigentlich könnte ich meine Kochbuchsammlung in zwei Hälften teilen, in eine große und eine ziemlich kleine. Da sind die Kochbücher, die ich wunderschön finde und in denen ich gerne lese und herumblättere, aus denen ich aber fast nie etwas ausprobiere. Und dann sind da die Kochbücher, die schon ganz fleckig gekocht sind. „Reisehunger” von Nicole Stich zum Beispiel oder „Wochenmarkt” von Elisabeth Raether. Und: „Genussvoll vegetarisch” von Yotam Ottolenghi. Überall Knicke, Krümel, Unterstreichungen, abgeänderte Mengenangaben. Aus Ottolenghis vegetarischem Kochbuch habe ich wirklich schon vieles probiert, aber merkwürdigerweise nie die Sobanudeln mit Aubergine und Mango. Auf die hat mich erst die Tochter einer Freundin gebracht, die mir auf die Frage, was denn ihr Lieblingsessen sei, eben diese Sobanudeln nannte (mein Lieblingsessen mit 14 war Pizza). Seit ich dieses Rezept ausprobiert habe, teile ich ihre Liebe und bin ihr sehr dankbar, dass sie mir Buchweizennudeln beigebracht hat. Im Gegensatz zu manch anderem Ottolenghi-Rezept ist die Zutatenliste hier noch halbwegs überschaubar. Und obwohl dieses kalte Gericht sehr frisch, leicht und sommerlich schmeckt, macht es ganz genauso glücklich wie ein Teller dampfender Nudeln. Und schon wieder: ein Knick mehr.


Sobanudeln mit Aubergine und Mango 
(nach einem Rezept von Yotam Ottolenghi aus „Genussvoll vegetarisch" )

Zutaten für sechs Personen 
(als Vorspeise, als Hauptspeise würde ich sagen: für vier)

120 ml Reisessig
40 g Zucker
1/2 TL Salz
2 zerdrückte Knoblauchzehen
1/2 frische rote Chilischote, von den Samen befreit und fein gehackt (die lasse ich weg, damit Fanny mitessen kann)
1 TL Sesamöl aus gerösteten Samen
Abgeriebene Schale und Saft von einer unbehandelten Limette
220 ml Sonnenblumenöl (ich nehme viel weniger)
2 Auberginen, in 2 cm große Würfel geschnitten
Salz und schwarzer Pfeffer
250 g Sobanudeln
1 große reife Mango, in 1 cm große Würfel geschnitten (ich nehme 2 Mangos)
40 g gehackte Basilikumblätter
40 g gehackte Korianderblätter
1/2 rote Zwiebel, in sehr dünne Ringe geschnitten

1) Für das Dressing in einem kleinen Topf den Reisessig mit dem Zucker und Salz 1 Minute behutsam erwärmen, bis der Zucker sich gerade eben aufgelöst hat. Vom Herd nehmen und den Knoblauch, die Chilischote und das Sesamöl dazugeben. Abkühlen lassen. Dann die Limettenschale und den Limettensaft unterrühren.

2) In einer großen Pfanne das Sonnenblumenöl erhitzen und darin die Auberginenwürfel in drei oder vier Portionen anbraten. Sobald sie eine goldbraune Färbung angenommen haben, in ein Sieb geben, großzügig salzen und pfeffern und abtropfen lassen.

3) Die Sobanudeln in reichlich kochendem Salzwasser nach Packungsanleitung garen, dabei gelegentlich umrühren, damit sie nicht zusammenkleben. Die Nudeln sollten gar, aber noch bissfest sein. Abgießen und unter fließendem kaltem Wasser gründlich abspülen. Möglichst viel überschüssiges Wasser abschütteln, dann zum Trocknen auf einem sauberen Geschirrtuch ausbreiten.

4) Die Nudeln in eine große Schüssel geben und mit dem Dressing, den Mango- und den Auberginenwürfeln, der Hälfte der frischen Kräuter und den Zwiebelringen vermischen. Das Gericht kann nun für 1-2 Stunden zum Durchziehen beiseitegestellt werden (wenn wir nicht so viel Zeit und großen Hunger haben, essen wir es manchmal auch gleich). Zum Servieren die restlichen Kräuter untermischen.


DER STAPEL NEBEN MEINEM BETT


Diese Bücher liegen gerade neben meinem Bett. Und erinnern mich daran, wie gut es tut, in Büchern verloren zu gehen. Habe ich in letzter Zeit viel zu selten gemacht...

Der Untertitel des Buches ist so gar nicht mein Fall. „Nimm dein Leben in die Hand und es wird dir gelingen” steht da. Wenn das nur so einfach wäre. Aber ich mag Elizabeth Gilbert. Und das Thema interessiert mich sehr: Wie schafft man es, ein kreatives Leben zu führen (ohne dass es allzu sehr weh tut?)? Steffi mochte dieses Buch sehr. Caroline, die Co-Autorin von „A Cup of Jo”, von der ich immer so gerne lese, auch. Falls ihr es gelesen habt: Hat es euch gefallen?


Wenn wir beide uns so paarmäßig erzählen, wie unser Tag war, wird es mitunter seltsam – weil jeder von uns beiden sich manchmal mit seltsamen Dingen beschäftigt. Neulich hat er begonnen, von dieser verrückten und bewundernswerten kalifornischen Bestatterin namens Caitlin Doughty zu erzählen, über ihre Erlebnisse beim Abholen von Verstorbenen, beim Verbrennen von Leichen, über ihre Traurigkeiten und ihre Unerschrockenheit, über all das zu berichten, weil der Tod leichter wird, wenn man ihn nicht beschweigt und verdrängt. Er war begeistert von diesem Buch, auf das ich nie von selbst gekommen wäre, weil auch ich jemand bin, der sich mit diesem Thema am liebsten gar nicht auseinandersetzt. Aber wenn er recht behält, dann ist Caitlin Doughty eine ganz tolle, warme, lebensfrohe, witzige und menschenfreundliche Frau und deshalb werde ich „Fragen Sie Ihren Bestatter” lesen und das ändern. 


Zuerst ist da der Brief von Königin Elizabeth II. an Präsident Eisenhower. „Sehr geehrter Herr Präsident”, schreibt die Queen 1960, „in der heutigen Zeitung erinnert mich ein Foto von Ihnen beim Wachtelgrillen daran, dass ich Ihnen noch immer nicht das Eierkuchenrezept geschickt habe, das ich Ihnen auf Balmoral versprochen hatte. Nun beeile ich mich, dies nachzuholen, und ich hoffe, sie werden ein Erfolg.” Es folgt das Rezept für die königlichen Eierkuchen. Oder die Antwort von Iggy Pop auf den Fanbrief der 21-jährigen Laurence: „(...) Such Dir etwas, das Du wirklich liebst. Ganz offensichtlich bist Du ein verflucht aufgewecktes junges Ding, das noch dazu ein großes Herz hat. Nachträglich wünsche ich Dir einen HAPPY HAPPY HAPPY 21. Geburtstag und frohen Mut. Als ich einundzwanzig wurde, war ich auch extrem unglücklich und hatte schwer zu kämpfen. Auf der Bühne wurde ich ausgebuht, ich hatte keine eigene Wohnung und war verängstigt. Und auch wenn das schon lange her ist, hat man in diesem Leben immer einen gewissen Druck. Mein Song „Perforation Problems” handelt davon, dass sich die Lücken in unseren Lebensgeschichten nie ganz schließen werden, egal, was wir aus unserem Leben machen. Also, halt durch, meine Liebe, werd groß und stark und lass Dich nicht unterkriegen.” Und der Brief von Ronald Reagan an seinen Stiefsohn Mike, kurz vor dessen Hochzeit: „Ein altes physikalisches Gesetz sagt, dass man aus einer Sache nur so viel herausholen kann, wie man vorher in sie investiert hat. (...) Wahre Männlichkeit ist, von einer Frau geliebt zu werden, die Dich schnarchen gehört hat, Dich unrasiert gesehen hat, Dich gepflegt hat, wenn Du krank warst, die Deine dreckige Unterwäsche gewaschen hat. Bedenke dies, halte ihre Liebe in Ehren, und Du wirst viel gewinnen. (...) Es gibt kein größeres Glück im Leben eines Mannes, als nach Hause zu kommen und zu wissen, dass da jemand ist, der sich freut, seine Schritte zu hören.” Ein Band von 125 Briefen, zusammengetragen von Shaun Usher, der auch die großartige Website „Letters of Note" betreibt. Ich habe gerade angefangen, in diesem Buch zu lesen, und weiß schon, dass ich das noch ganz oft tun werde.


Auf der Seite neben dem Vorwort gibt es ein Foto, das ich sehr mag. Es zeigt Yvette van Boven in ihrer schon ziemlich dunklen Küche, vorm Ofen sitzend, der leuchtet als wäre er ein Lagerfeuer. In der Küche sieht es aus, als hätte jemand dort gerade so richtig herumgewerkelt, Koch-Chaos, wie ich es von mir kenne. Darunter steht: „Mitten in der Nacht vorm Ofen, Amsterdam”. Ich finde, dieses Bild beschreibt das neue Backbuch der Holländerin ziemlich gut. Noch zu ergänzen wäre, dass es so unfassbar schön gestaltet ist, dass man sich darin so richtig satt (oder vielleicht eher: hungrig?) lesen kann. Und man in „Home Baked” lauter Rezepte findet, mit denen man ein bisschen schöner durch die Dunkelheit der nächsten Wochen kommt: für Früchtebrot mit Haferflocken, Schokoladen-Olivenöl-Kuchen, Zitronen-Polenta-Küchlein, Blechkuchen mit schokoladigem Dattel-Pekannuss-Belag oder Süßkartoffel-Zimtschnecken. Die werden am Wochenende ausprobiert.


Wie Oliver Sacks würde ich in meinem Leben gerne noch werden: Ein Mensch, der nie aufhören kann, neugierig zu sein. Ein Mensch, der in jeder Abweichung, in jeder Ungewöhnlichkeit etwas Faszinierendes sieht, von dem man lernen kann – und der Mann ist während seines langen Berufslebens als Neurologe unaufhörlich mit Abweichungen konfrontiert gewesen. Wie man zurechtkommt, wenn man als Maler nach einer Kopfverletzung plötzlich farbenblind wird, Musik nur als Krach empfinden kann oder durch einen Unfall plötzlich nicht mehr wie ein Mensch riecht, sondern den Geruchssinn eines Hundes hat: von solchen Schicksalen hat Sacks in seinen Büchern berichtet. Immer, wenn ich etwas von ihm gelesen habe, bin ich nicht nur dankbar dafür, so viel Sachliches zu erfahren (zum Beispiel wie merkwürdig das menschliche Gehirn funktioniert), sondern und vor allem sehr beeindruckt – von seiner Neugier, seiner Zuwendung, seinem Respektieren, seinem Mögen-Können. In der kurzen Zeit, die ihm zwischen der Diagnose seines tödlichen Krebses und seinem Tod blieb, hat er für die New York Times Texte geschrieben, die eine Art Bilanz sind. Und seine Dankbarkeit dem Leben gegenüber ausdrücken, das ihn so reich beschenkt hat. Dabei war es ein Geschenk, das er sich selbst gemacht hat – durch seine Haltung dem Leben gegenüber. 



6) „A Modern Way to Cook" von Anna Jones (Mosaik)
Anna Jones hat ihre Ausbildung in Jamie Olivers „Fifteen” gemacht. Seitdem arbeitet sie als Köchin, Food-Stylistin und Autorin. In diesem wunderschön minimalistisch gestalteten Kochbuch stellt sie 200 vegetarische Rezepte für jeden Tag vor: Bananen-Blaubeer-Pecannuss-Pancakes, Süßkartoffel-Quesadillas, Tomatensuppe, Herbst-Panzanella oder gerösteten Kürbis. Zu den Rezepten, die immer in die beiden sehr praktischen Kategorien „Quick” und „Slow” aufgeteilt sind, gibt es aber auch Ideen und Grundsätzliches. Jones erklärt zum Beispiel, was ihr durch den Kopf geht, wenn sie ein Rezept schreibt. Oder: Was man alles mit einem Sandwich anstellen kann. Und wenn die Rezepte so gut schmecken wie sie aussehen, dann wird dieses Kochbuch ein Lieblingskochbuch.



Was liegt denn gerade auf eurem Stapel?

DIE KISTE


Ein blau-weiß kariertes Säckchen mit Murmeln darin. Ich war überzeugt, dass sie mir Glück bringen. Ich habe mir sogar noch mit 18 zur ersten Führerscheinprüfung eine Murmel aus diesem Sack in die Hosentasche gesteckt. Durchgefallen bin ich dann trotzdem. Ein fünf Seiten langer Brief von einem Jungen, der mich erst zurückliebte, als ich endlich über ihn hinweg war. Mein erster Reisepass, abgelaufen 1998, mit einem kanadischen Einreisestempel vom 31. März 1993. Zwei Tage vor meinem 16. Geburtstag war ich mit dem Jugendorchester nach Toronto geflogen, meine erste richtig große Reise. Wir hatten gefragt, ob wir nach vorne zu den Piloten ins Cockpit dürfen und wir durften. Wahrscheinlich hat das Ganze nicht länger als eine Minute gedauert, aber den Blick auf den dunklen Himmel vor mir werde ich nie vergessen. Ein Foto meiner ersten großen Liebe in einem winzigen Goldrahmen vom Flohmarkt, er trägt eine rote Jeans und noch lange Haare. Eine Kassette von einem Rapper namens Spax, ich glaube, die hat mir damals mein Bruder geschenkt. Im Gegensatz zu ihm hatte ich keine Ahnung von deutschem Rap. Ein paar Postkarten von Freunden. Schwarz-Weiß-Postkarten von berühmten Künstlern. Sehr viele Briefe. Ein Post-it, das nicht mehr klebt. Ein Passfoto von meiner finnischen Brieffreundin, die ich über eine Brieffreunde-Agentur gefunden hatte. Ein großer Stapel Fotos, den mein Vater irgendwann vom Dachboden geborgen hat. 

Irgendwann habe ich all die Dinge, die ich aufheben wollte, in eine weiße Hutschachtel gelegt. Bei einem der vielen Umzüge muss die Hutschachtel kaputt oder verloren gegangen sein, denn jetzt liegen all die Frühers in einer nicht gerade hübschen Pappschachtel unter meinem Schreibtisch. Geöffnet habe ich sie nur, weil ich nach einem Ersatzkabel für meinen Computer suchte, und jetzt sitze ich hier und bin wieder 14, 15, 16, 17, 18. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass ein gebrochenes Herz nie, niemals heilen wird. Ich trage blaue Wimperntusche und blaue DocMartens. Ich höre immer und immer wieder „What´s up” von den 4 Non Blondes, weil M. mich zu diesem Song zum allerersten Mal geküsst hat und ich mir nicht sicher bin, ob es je einen zweiten Kuss geben wird oder einen, der sich besser anfühlt. Ich klebe fast jeden Tag eine Collage in mein Tagebuch. Alles, was sich sehr groß anfühlt, schreibe ich in großen Buchstaben. Ich lese „Djamila” von Tschingis Aitmatow und „Unterm Rad” von Hermann Hesse und schreibe meine Lieblingssätze in mein Tagebuch. Ich würde D. gerne sagen, was für ein verdammtes Arschloch er war, traue mich aber nicht. Ich würde meine Freundinnen gerne fragen, ob sie sich manchmal auch so beschissen einsam fühlen, so unverbunden, so danebenstehend, so anders, habe aber Angst, dass sie mich auslachen. Ich esse viel zu viele Stapelchips. Ich lasse mir von meinem Bruder eine Dreadlock drehen und färbe sie lila, vor allem um meine Mutter zu ärgern. Hat auch funktioniert. Ich weiß nicht, ob ich meine Brüste super oder schrecklich finde und trage deshalb weite T-Shirts. Ich schreibe Gedichte. Ich klaue meiner großen Schwester ihre Frauenzeitschriften, weil ich die Fotos darin so schön finde. Ich trage einen Hut. Ich probiere Blue Curaçao und trinke weiter, obwohl ich ihn eklig finde. Keine gute Idee. Ich trage dieses Parfüm aus dem Bodyshop, auf das ich gespart habe, aber nie in der Schule. Ich werde bei dem Gedanken rot, schon wieder rot zu werden. Ich bin gut in Bio und grottig in Chemie. Ich würde gerne mit meiner großen Schwester ins Sunup´s ausgehen, darf aber nicht. Ich finde, dass Pearl Jam die beste Band der Welt ist. Ich bin schüchtern. Ich bin scheißdrauf. Ich bin todunglücklich. Ich könnte die Welt umarmen.  

IMMER NOCH SÜCHTIG NACH: BANANENBROT



Manche Dinge mag ich so gerne, dass ich selten auf die Idee komme, sie je anders zu machen. Mein Gewohnheitstier mag Sonntagmorgen mit Pancakes und Sonntagabende mit Schnitzeln. Und es mag immer das Bananenbrot von Sophie Dahl. Es trägt gerne dunkelblaue Pullover und rote Lippen. Und ist sehr beleidigt, wenn es den Tatort verpasst. Das alles ist nicht weiter dramatisch, aber ein wenig langweilig, denn natürlich verpasst es dabei einiges – vor allem, sich hin und wieder mit sich selbst zu überraschen. Wie gut, dass manchmal jemand kommt und dem Gewohnheitstier das Gatter für einen Spaziergang öffnet. Über die Weihnachtsferien hatte ich mir die App von Jamie Oliver heruntergeladen und ein Rezept für ein Bananenbrot gefunden, das viel zu gut klang, um es nicht auszuprobieren. Den bekannten Zutaten fügt er Limetten, Honig, Zimt und Rosmarin hinzu – vier Dinge, die ich noch nie in ein Bananenbrot hineingebacken habe. Dabei ist das eine so gute Idee. Denn wenn das Brot nach einer vor sich hinduftenden Stunde aus dem Ofen geholt und noch warm mit einem Sirup aus Honig, Limette und Rosmarin bepinselt wird und man sich die erste Scheibe abschneidet und mit ein wenig Butter bestreicht, dann geht es einem plötzlich sehr, sehr gut. Völlig egal, ob der Tag beschlossen hat, nie hell zu werden. Oder ob der Berg an Arbeit sich so hoch türmt, dass man die Spitze gar nicht mehr sehen kann. 



BANANENBROT 
(nach einem leicht abgewandelten Rezept von Jamie Oliver)

Zutaten:

120g Butter (und noch ein wenig Butter, um die Kastenform einzufetten)
200g Zucker (ich nehme braunen)
3 große Eier
100ml Vollmilch
2 TL Vanilleextrakt
5 EL flüssiger Honig
4 mittelgroße, reife Bananen
300g Mehl
1 TL Backpulver
1 TL Zimt
eine Prise Salz
2 Limetten
3 Zweige Rosmarin
wer mag (ich mag): eine Handvoll Walnüsse

1) Die Butter in ungefähr 1cm große Würfel schneiden und so weich werden lassen, bis sie ungefähr Raumtemperatur haben.

2) Den Ofen auf 170°C Ober/ Unterhitze vorheizen und eine Kastenform (meine ist 25cm lang) einbuttern.

3) Die weichen Butterwürfel mit dem Zucker in eine große Schüssel geben und mit einem Handrührer fluffig schlagen.

4) Nacheinander die drei Eier untermixen, dann die Milch, das Vanilleextrakt und 3 EL Honig.

5) Die Bananen pellen, in kleine Stücke brechen, in einer Schüssel mit einer Gabel klein drücken, zum Teig geben und unterrühren.

6) Nach und nach das Mehl hinein sieben und untermixen, dann das Backpulver, den Zimt, eine Prise Salz und die geriebene Schale von einer Limette. (Wer mag, gibt an dieser Stelle noch eine Handvoll Walnüsse dazu).

7) Den Teig in die gebutterte Kastenform geben und mit einem Teigschaber glatt streichen (zwischen dem Teig und dem Rand der Form sollte ungefähr 1 cm Abstand sein).

8) Auf mittlerer Schiene für ca. 60 Minuten im Ofen backen, bis das Bananenbrot goldgelb ist und an einem Holzstäbchen, das in das Brot gestochen wird, kein Teig mehr haften bleibt.

9) In der Zwischenzeit den Saft von zwei Limetten, 2 EL Honig (nach Geschmack auch ein wenig mehr) und den gezupften und klein gehackten Rosmarin in einen kleinen Topf geben. Bei mittlerer Hitze für 3 bis 4 Minuten köcheln lassen bis die Konsistenz sirupartig ist.

10) Das fertige, noch warme Bananenbrot mit dem Sirup einpinseln und für eine Viertelstunde abkühlen lassen, bevor man es aus der Form löst.

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