UND WIE MACHST DU DAS, ELISABETH?
EIN MUTTERFRAGEBOGEN



Heute gibt es mal wieder einen Mutterfragebogen. Beantwortet hat ihn die Berliner Fotografin Elisabeth Schoepe. Herzlichen Dank dafür!

Name: Elisabeth (und Evi )
Alter: 49
Mutter von: Emil, fast 13
Stadt: Berlin

Wie ist bei dir die Kinderbetreuung organisiert?
Eine Kinderbetreuung ist nicht mehr nötig. Emil ist 12, relativ selbstständig und da er eine Ganztagesschule besucht, auch erst gegen 17 Uhr zu Hause.

Unter welchen Bedingungen arbeitest du? Wie funktioniert das für dich?
Ich arbeite seit vier Jahren als freie Fotografin und seit knapp einem Jahr zusätzlich für 24 Stunden in der Woche fest angestellt, um die Krankenkasse und Rentenbeiträge sicher zu finanzieren. Beide Sachen lassen sich ganz gut miteinander verbinden, im Frühjahr und Sommer fotografiere ich samstags oft Hochzeiten. Die Bildbearbeitungen kann ich dann zu Hause erledigen und wie es am besten passt in den Alltag integrieren. Das heißt aber auch, dass ich je nach Auftragslage abends oder am Wochenende eine zweite Schicht einlegen muss.

Wieviel Zeit hast du für dich – jenseits deiner beruflichen Aufgaben? Reicht sie dir?
Eigentlich schon. Nachdem ich in meinem bisherigen Berufsleben immer fest angestellt war, genieße ich es sehr, mir jetzt die Zeit relativ frei einteilen zu können. Auch mal spontan, wenn gerade die Sonne scheint, eine Runde mit dem Rad zu drehen. Oder am Vormittag eine Ausstellung zu besuchen. Die Wochenenden verbringen wir meist als Familie. Jeder von uns schafft sich aber auch immer mal seine eigenen kleinen Inseln.

Wie sieht ein ganz normaler Wochentag bei euch aus?
Emil muss jeden Morgen um 7.30 Uhr los, um pünktlich in der Schule zu sein. Mindestens einer von uns frühstückt kurz mit ihm und schickt ihn in die Spur. Der Rest richtet sich nach Dienstplan und jeweilig anstehenden Aufträgen und Aufgaben, sowohl bei Evi, als auch bei mir. Entsprechend unterschiedlich ist auch die Feierabendzeit. Emil hat bis 16 Uhr Unterricht und ist dann kurz vor 17 Uhr zu Hause. Da bleibt gar nicht mehr viel vom Tag übrig. Manchmal verabredet er sich noch mit einem Freund, und einmal in der Woche geht er zum Gitarrenunterricht. Von einigen Ausnahmen abgesehen, essen wir gemeinsam Abendbrot (und kochen es manchmal auch zusammen). Seit kurzer Zeit schauen wir öfter zu dritt die Tagesschau. Emil verschwindet danach in Bad und Bett und wir genießen den Feierabend (falls es nicht noch Bildbearbeitungen bei mir, Elternarbeit für die Schule bei Evi oder Verabredungen gibt) auf der Couch mit Buch oder Glotze oder Computer. Wenn es wärmer ist, sind wir gern in unserem Hof. Dort kann man entspannt mit einem Glas Wein sitzen und über die Erlebnisse des Tages plaudern.


Was empfindest du als besonders anstrengend?
Früher fand ich es anstrengend, im Alltag so viele Sachen, die eigentlich so simpel und eben notwendig sind, immer wieder sagen zu müssen. „Putz dir die Zähne” zum Beispiel habe ich eine Zeit lang wohl 20 Mal am Abend gesagt, bis Emil endlich die Zeit dafür hatte, nachdem doch noch so viel Wichtiges zu erledigen war. Heute geht’s da eher um die Zeit, die mit Daddeln, Handy oder X-Box verbracht werden darf. Aber ich denke, das ist ganz normaler Alltagswahnsinn und eben manchmal anstrengend, wenn man nicht genügend Schlaf hatte oder allgemein mit sich und der Welt unzufrieden ist.

Was macht dich besonders glücklich?
Dass wir alle drei gesund gemeinsam leben und wir als Familie gut funktionieren, uns aufeinander verlassen können. Ich finde es unheimlich schön zu sehen, wie Emil groß und auch langsam erwachsen wird, wie gut man mit ihm inzwischen Gespräche führen kann. Wenn ich merke, dass wir uns über die gleichen Dinge amüsieren. Mit ihm zusammen unterwegs zu sein, wenn er auch nicht sofort begeistert ist, und wir dann beide Freude daran haben. (Neulich waren wir im Jüdischen Museum und nicht nur von dessen Inhalt, sondern auch beide von der Architektur sehr beeindruckt.) Ansonsten: Licht, das ins Fenster scheint, Frühstück in der Sonne, Wellenrauschen und das Klicken der Steine am Strand, ein gutes Gespräch, die kleinen Dinge am Wegesrand, der weite Himmel im Havelland (wo wir gerade mit meiner Schwester und ihrer Familie unseren „Landsitz“ ausbauen).

Hast du das Gefühl, dass die Gesellschaft, die Politik, Menschen mit Kindern ausreichend unterstützt? Was müsste deiner Meinung nach besser oder anders werden?
In erster Linie fällt mir der aktuell hohe Reformbedarf im Schulsystem ein. Wir haben uns an einem Schulgründungsprojekt einer freien, reformpädagogischen Schule als Eltern und Vorstandsmitglied über einen Zeitraum von sechs Jahren intensiv beteiligt. Unser Sohn wurde als eines der ersten Kinder eingeschult und hat diese Schule bis zum Ende der 6. Klasse erfolgreich besucht. Er ist immer und jeden Tag gern in die Schule gegangen. Wir haben beinah täglich erlebt, dass die Kinder begeistert – auch Kinder mit Handicap – gelernt haben. Doch zugleich haben wir im gesamten Zeitraum starken Gegenwind der staatlichen Schulinstitutionen, politisch besetzten Ämter und Parteien zu spüren bekommen. Eine Schulpräsentation in der Bezirksverordnetenversammlung unseres Stadtbezirkes oder vor dem zuständigen Schulausschuss bildeten dabei die Höhepunkte der negativen Erfahrungen. Obwohl wir früher als Regelschulen das staatlich verordnete Konzept der Inklusion tatsächlich umzusetzen wussten, hatten wir nicht das Gefühl von Anerkennung oder Respekt.

Reformpädagogische Konzepte, insofern diese professionell und verantwortungsbewusst umgesetzt werden, zeigen mehr als überzeugend sehr erfolgreiche Bildungswege auf, an deren Ende bildungswillige und begeisterte Kinder stehen können, die zudem eine ganz besondere soziale Kompetenz entwickelt haben. Nach unserer Einschätzung ist das auch bei den sogenannten Entscheidungsträgern bekannt, wie auch ähnliche Erfolgsrezepte europäischer Nachbarn. Wir fragen uns nur, was noch alles wissenschaftlich belegt werden muss, ehe sich etwas strukturell verändert.


Was hast du durchs Muttersein über dich und die Welt gelernt, das du vorher nicht wusstest?
Wie schön es ist, überhaupt ein Kind zu haben. Dass es diese bedingungslose Liebe, die man so wohl nur einem Kind gegenüber empfindet, wirklich gibt und dass man dazu nicht biologisch mit ihm verwandt sein muss. Dass man stärker und mutiger ist, als man glaubte. Dass man, gegen seinen Willen, doch auch manchmal die Sprüche der Eltern aus seinem eigenen Mund hört.

Drei Lieblinge: Ein Film, ein Buch, ein Blog?
Schwer, sich auf jeweils eins festzulegen. Das ändert sich auch immer mal. Ein Film: „Muriels Hochzeit“. Ich sah zum ersten Mal Toni Collette und war total beeindruckt. Außerdem mag ich Wes Anderson. Buch: „Eine andere Welt“ von James Baldwin. Das erste Buch, das ich als Teenager in der DDR las, in dem Homosexualität vorkam und das wirklich in einer völlig anderen Welt, nämlich New York, spielte. Und: „Die hellen Tage“ Zsuzsa Bánk. Ein Blog: Stepanini.

Ein Gegenstand deines Kindes, den du ewig aufbewahren wirst?
Es gibt eine kleine Kiste mit dem ersten Strampler, Rassel, Bernsteinkette, Karten zur Geburt, einer Tageszeitung von seinem Geburtstag und den ersten Schuhen. Das Wichtigste aber ist wohl „Hundbruder Fritz“. Den hat er sich schon früh unter seinen Schmusetieren als einzig wahren und treuen Begleiter ausgesucht. Besonders unentbehrlich war er in den ersten Wochen im Kindergarten und auch sonst hatte Emil ihn, mit sicherem Griff im Genick, immer dabei. Noch heute liegt er in seinem Bett, wenn auch etwas in die Ecke gedrückt. Ist aber bisher jeder „Der Kinderkram muss jetzt mal raus“-Aktion entkommen.

Kommt gut in diese Woche!

Alle anderen Fragebögen sind hier nachzulesen.
Alle Fotos: Elisabeth Schoepe.

WAS ALLES DAZWISCHEN KAM


Die letzten Tage wollte ich so viel hier schreiben. Über meinen 39. Geburtstag und das Fast-40-Gefühl. Über eine neue Kochbuchliebe. Über die Kosmetik, die ich gerade mag. Über das Haustauschen. Und dann kam meine Laune dazwischen. Müde, mäh, muffig, aus keinem besonderen Grund. Was sich nächste Woche hoffentlich ganz sicher ändern wird, wenn wir für ein paar Tage nach Paris fahren. Ich freue mich so sehr, dass es schon albern ist, und schreibe viel zu lange Listen mit all den Dingen, die ich gerne tun und sehen möchte – Törtchenessen mit Fanny, neue Notizbücher bei Merci kaufen (nach jedem Urlaub kleben wir Fotos, Eintrittskarten und andere Aufhebsel in ein Merci-Notizbuch und beschriften es mit Glitzerbuchstaben), ein Picknick an der Seine, Düfteriechen bei Nose, den Boulespielern im Jardin du Luxembourg zusehen, bei Sézane vorbeischauen, einen Bummel durch die Grande Epicerie machen. Aber wahrscheinlich werde ich einfach nur mal Luft holen und am Ende kaum etwas von dieser Liste abhaken, aber was macht das schon, es ist ja einfach schön, sich einzufreuen. Vielleicht schreibe ich in den nächsten Tagen etwas, vielleicht auch nicht, mal sehen, was Paris so mit mir macht. Bis dahin verabschiede ich mich mit ein paar Fundstücken der letzten Tage. Habt es schön.

* Ein Film, den ich mir ansehen möchte.
* Noch ein Film, auf den ich gespannt bin.
* Eine Kinderjacke, in die ich mich verguckt habe.
* Ein Sommerschuh, den ich mir bestellt hätte, wenn ich nicht gerade für Paris sparen würde.
* Ein Abendessen, das mir Heißhunger macht.
* Ein Buch, das ich mit in den Urlaub nehmen werde.
* Ein Restaurant, in dem ich gerne mal essen würde.
* Ein Weblog, das ich gerade wiederentdeckt habe.
* Ein Porzellanservice, das ich wunderschön finde.
* Ein Lippenöl, das ich gerne mal ausprobieren würde.
* Ein Video, das gegen schlechte Laune hilft.

DER MÄRZ 2016 (UND WAS IHN GUT GEMACHT HAT)


Der März war ungefähr alles, was der Januar und Februar ausnahmsweise mal gar nicht waren: anstrengend und gedankenschwer. Viel Arbeit, viel Rumgeschnupfe, wenige Pausen zum Luftholen. Das war nur halbschön, aber okay, weil es zwischendurch viele schöne, kleine Momente gab...

Der Frühling, der Frühling, der Frühling. (Oder ist es eher das Ende des Winters?). Auf jeden Fall:

Das allererste Spaghettieis des Jahres.

Zum ersten Mal ohne Wintermantel rausgehen, in meiner neuen Jacke.

Und die ersten blühenden Kirschbäume. Ich muss morgen mal schauen, ob mein Lieblingsbaum schon blüht. Denn wenn er blüht, fängt für mich der Frühling an (als ob es bei 20 Grad noch einen Zweifel daran gäbe).

Die Sätze, die sie manchmal sagt. „Weißt du, was so schön an Pfützen ist? Man kann reinspringen und die Welt in ihnen sehen.” Oder: „Wenn ich groß bin, werde ich Rentier.”

Die beeindruckende Netflix-Dokumentation über den Kriegsfotografen Don McCullin. Wieviel Leben in ein Leben passen kann. Und wieviel Schrecken. 

Noch eine Dokumentation, die mich sehr berührt hat: „Twinsters”. Ein Mädchen bekommt über Facebook eine Nachricht, dass sie sich doch bitte mal melden solle, es gebe da ein Mädchen, das ganz genauso aussehe wie sie. Die Mädchen nehmen tatsächlich Kontakt auf und stellen fest: Sie könnten Zwillinge sein. Hier ist der Trailer.

Ihr neuer Hosentaschenigel.

Ein sehr schönes Osterferien-Frühstück im „Suicide Sue”, wo es Brote und Pancakes gibt, aber auch Schlickertütenbefüllung für den Nachhauseweg.

Eine große Schachtel Natas. 

Die Entdeckung einer völlig ziepfreien Bürste für Fannys schon so langen Haare. Halleluja.

Barbecue-Karotten mit Joghurt und Nüssen (ich würde Pistazien statt Pekannüssen nehmen). 

Mal wieder ein Buch angefangen: „Panikherz” von Benjamin von Stuckrad-Barre. Bislang bin ich genau zwei Kapitel weit gekommen, aber ich freue mich auf den Rest. Habt ihr es schon gelesen?

Und mal wieder „Schlaflos in Seattle” geguckt. Und dann angefangen, Nora Ephron zu lesen. Was für eine tolle Frau. Jetzt gibt es auch eine Doku über ihr Leben: „Everything Is Copy”.

Die Suche nach einer goldenen Kette mit Anhänger. Noch bin ich nicht fündig geworden. Weil diese hier schon ausverkauft ist. (Falls jemand einen guten Tipp hat...).


Die Ablehnungsbriefe, die J.K. Rowling bekam.

Die Guardian-Serie „My Last Supper”.

Dieses Stück in der New York Times: „My Mother Is Not a Bird”.

Und: „Winona, Forever”. (Ich muss mal wieder „Reality Bites” sehen).

Wie war der Monat denn für euch? 

EIN KOCHBUCH, EIN REZEPT: RAGÙ ALLA BOLOGNESE
AUS „DIE KLASSISCHE ITALIENISCHE KÜCHE” VON MARCELLA HAZAN




Ein paar Monate, ehe sie mit 89 Jahren nach einem langen erfüllten Leben in Florida stirbt, gibt Marcella Hazan ein Interview. Mark Bittman, damals noch Food-Autor bei der New York Times, hat sie und ihren Mann Victor besucht. Sie kochen zu dritt, Victor gießt das Pasta-Wasser ab, Marcella amüsiert sich darüber, dass so viele Menschen geglaubt hätten, bei der italienischen Küche ginge es um Gewürze („Sie haben mich immer gefragt, wo meine Gewürze sind, und ich sagte: hier ist das eine und dort drüben das andere”), zündet sich eine Zigarette an und erzählt von ihrem Endivien-Trick. Es ist ein perfekter Tag, zwei alte Menschen, die schon gebrechlich, aber immer noch energisch in der Zubereitung von Glück sind, und die einander unverbrüchlich lieben, man merkt das ja auch ohne große Bekenntnisse immer sofort.

Am Anfang des viel zu kurzen Videos, das es von diesem Besuch gibt, erinnert sich Marcella Hazan auch daran, wie sie von der Öffentlichkeit entdeckt worden ist. Das war im Oktober 1970, man kann das als Abonnent im Archiv der New York Times nachlesen. Ein Redakteur der Zeitung hatte die Hazans zum Lunch besucht, wohl durch die Kochkurse aufmerksam geworden, die sie zuerst in ihrer Wohnung, dann in ihrer eigenen Kochschule gab, und zu denen sie ursprünglich von den Frauen überredet worden war, mit denen sie zusammen einen chinesischen Kochkurs belegt hatte. In diesem Artikel von 1970 ist sie noch nicht berühmt, sondern eine Frau, die wahnsinnig gut kochen kann und ihre Familie versorgt. Victor, heißt es, komme jeden Tag zum Mittagessen nach Hause, und ihr Sohn Giuliano, der damals 12 ist, esse nicht in der Schulkantine, sondern bekomme von seiner Mama Lunchboxes mit „Kalbsragout, Ravioli, Hühnerbrust Siena-Style und so”. Noch etwas erfährt man aus dem Artikel, von dem sie am Ende ihres Lebens erwähnt, wieviel sie ihm zu verdanken hat: dass sie bis zum Tag ihrer Hochzeit nie gekocht hat, weil sie eigentlich gar keine Köchin ist, sondern eine studierte Naturwissenschaftlerin und Biologin. Zu kochen begonnen hat sie erst für Victor, der seine Heimat verloren hatte. Er war Jude, als er zehn war, emigrierte seine Familie ein paar Monate vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges nach Amerika. Bei seinem ersten Besuch im Land seiner Kindheit lernte er 1952 Marcella kennen und nahm sie mit nach New York. Sie liebte ihn so sehr, dass sie seine Sehnsucht nach dem italienischen Essen stillen wollte, das es damals in New York noch nicht gab.

So ging das los mit Marcella Hazan. 1969 eröffnete sie eine Kochschule und 1973, sie ist schon fast 50, erschien das Kochbuch, um das sie immer wieder gebeten wurde und das sie sich lange nicht zugetraut hatte, weil für ein Buch ihr Englisch nicht gut genug war – aber es gab Victor, der ihre Gedanken und ihre Rezepte für sie aufschrieb. „Die klassische italienische Küche” war die präzise, an Originalität, Innovation und Individualität nicht im geringsten interessierte Niederschrift einer Küche, die viele Menschen nicht zu Unrecht für die beste der Welt halten. Marcella Hazans Buch ist ein Archiv klassischer Gerichte, die jeder zu kennen glaubt (Minestrone zum Beispiel, Risotto oder Lasagne) – und doch oft durch ihre Rezepte zum allerersten Mal kennenlernt, weil sie mit ihrem Talent, sich an die Geschmäcker ihrer italienischen Kindheit zu erinnern, mit ihrem analytischen Vermögen und mit ihrem Ethos der Präzision (sie ist, wie gesagt, eine Naturwissenschaftlerin) so etwas wie die perfekte Version dieser Gerichte verewigt hat.

Deswegen gibt es „Die klassische italienische Küche” immer noch. Es ist schon 43 Jahre alt, aber nie ist jemand auf die Idee gekommen, es vom Markt zu nehmen oder aufzupeppen. Wozu auch? Es ist ja schon ein perfektes Buch, und wenn man wissen will, wie man italienisch kocht und italienisch isst, warum Olivenöl doch nicht so wichtig ist, wie man denkt (und wann aber doch unverzichtbar), oder wie man, ohne sich dabei groß anzustrengen, eine Tomatensauce machen kann, die manche Gäste mit einem Löffel direkt aus dem Topf essen, muss nur bei Marcella Hazan nachlesen.

Victors Sehnsucht nach italienischer Küche, ihre Bereitschaft, für ihn zu kochen, der Besuch eines Journalisten, der von ihren Kochkursen gehört hatte, ein Artikel, der ihr neue Schüler verschaffte, und ein Kochbuch, das Amerikanern vermittelte, wie glorios die authentische italienische Küche ist: all das macht sie zu einer Institution. Victor gab seinen Beruf im Pelzhandel auf, den sein Vater in New York gegründet hatte, und assistierte fortan seiner Frau. Zusammen eröffneten sie italienische Kochschulen in den USA und Italien, und für jedes ihrer Kochbücher ließ er sich von ihr die Rezepte diktieren (obwohl sie natürlich gut genug Englisch sprach, aber an den Gewohnheiten der Liebe soll man nichts ändern). 

Wegen Marcella Hazan weiß nun auch ich, wie Tagliatelle alla Bolognese gemacht werden („Kurioserweise sind in Bologna Spaghetti alla bolognese unbekannt”). Nach Jahren, in denen ich schlechte, passable und gute Bolos gegessen habe. Für mich ist die von Marcella Hazan perfekt. Ein Gericht, das es schafft, satt, glücklich und friedlich zu machen – schon während sich die Küche über Stunden immer mehr mit diesem unfassbaren Duft füllt. 




RAGÙ ALLA BOLOGNESE (für 6 Portionen)

Zutaten
1 EL Pflanzenöl
45g Butter
85g gehackte Zwiebel
3 Stangen Sellerie, gehackt
4 mittelgroße Karotten, gehackt
350g gehacktes durchwachsenes Rindfleisch
frisch gemahlener Pfeffer
frisch geriebene Muskatnuss
1/4 l Vollmilch
1/4 l trockener Weißwein
500g San Marzano Tomaten aus der Dose, klein geschnitten, mit dem Saft
550 bis 675g Pasta
1 EL Butter für die Pasta
Parmigiano Reggiano zum Servieren

Zubereitung
1) Das Öl, die Butter und die gehackte Zwiebel in einen Topf geben und auf Mittelhitze schalten. Die Zwiebel unter Umrühren glasig anschwitzen, dann den gehackten Sellerie  und die Karotten hinzufügen. Etwa zwei Minuten garen, umrühren, damit das Gemüse gut mit Fett überzogen ist.
2) Das gehackte Rindfleisch, eine große Prise Salz und ein wenig Pfeffer dazugeben. Das Fleisch mit der Gabel zerkrümeln, sorgfältig umrühren und so lange garen, bis es nicht mehr roh und rot aussieht.
3) Die Milch hinzufügen und unter häufigem Umrühren so lange brodeln lassen, bis sie völlig verdampft ist. Eine winzige Prise, etwa 1/8 TL, Muskatnuss in den Topf reiben und umrühren.
4) Den Wein dazugießen und langsam verdampfen lassen, dann die Tomaten hinzufügen und alle Zutaten sorgfältig verrühren. Wenn die Tomaten zu brodeln beginnen, die Hitze verringern, sodass die Sauce sehr schwach kocht; es darf nur hin und wieder eine Blase an die Oberfläche steigen. Mindestens drei Stunden unter gelegentlichem Umrühren köcheln lassen. Die Sauce wird dabei trocken und das Fett trennt sich vom Fleisch. Damit sie nicht anbrennt, jedes Mal, wenn es nötig wird, 1/8 l Wasser hinzugeben. Zum Schluss darf jedoch kein Wasser mehr vorhanden sein, und das Fett muss sich von der Sauce trennen. Mit Salz abschmecken.
5) Die Sauce mit der gekochten, abgetropften Pasta vermischen, dabei die Butter hinzufügen. Frisch geriebenen Parmesan dazu servieren.

„Wenn Sie die Sauce nicht drei bis vier Stunden hintereinander überwachen können, schalten Sie die Hitze ab, wenn Sie die Küche verlassen müssen, und fahren später mit den Kochen fort. Hauptsache, Sie bereiten die Sauce an ein und demselben Tag zu.”

Marcella Hazan: „Die klassische italienische Küche”, 604 Seiten, Echzeit Verlag.

SELBSTZWEIFEL UND GANZ GROSSE GLÜCKSMOMENTE:
EIN GESPRÄCH MIT STEPHANIE QUITTERER ÜBER IHR ERSTES BUCH


Stephanie Quitterer ist Autorin, Mama einer fünfjährigen Tochter, 33 Jahre alt und hat diese Woche ihr Debüt „Hausbesuche” veröffentlicht – ein Buch, das davon erzählt, wie sie in ihrer Elternzeit mit selbstgebackenem Kuchen durch den Prenzlauer Berg gegangen ist, um bei wildfremden Menschen zu klingeln und sich zu Kaffee und Küchengesprächen einzuladen. Das Buch, das dabei entstanden ist, bedeutet mir sehr viel. Wie die Frau, die es geschrieben hat. Ein Gespräch über schreiberische Selbstzweifel, ganz große Glücksmomente und Bücher, die das Leben verändern.

Stepha, wir haben uns vor fünf Jahren kennengelernt, als du bei mir zum Hausbesuch vorbeigekommen bist. Wie bist du damals auf die Idee gekommen, dieses Projekt zu beginnen?
Es mich genervt, dass man sich auf der Straße ständig mit Schubladen auseinander setzen muss. Ich war gerade Mama geworden und von Kreuzberg in den Prenzlauer Berg gezogen – plötzlich war ich Feindbild: Prenzlauer Berg-Mutter. Und erntete fiese Blicke und Kommentare, nur, weil ich einen Kinderwagen vor mir her schob. Dass ich recht prekär in einem Haus wohne, in dem noch Etagenklos und Kohleöfen in Benutzung sind, sieht man mir auf der Straße natürlich nicht an. Und dann habe ich mich in nur einer Woche mit ungefähr fünf Leuten unterhalten, die sich alle darüber beschwert haben, wie sehr sich die Straße durch die Gentrifizierung verändert habe, dass die Leute unerträglich wären und dass sie sofort wegziehen würden, wenn nur ihre alten Mietverträge nicht so unschlagbar günstig wären. Und da dachte ich, man sollte einfach mal hinter die Fassaden blicken und herausfinden, wer hier eigentlich wirklich so wohnt. Das traf sich gut mit einer uralten Neugier von mir: Ich wollte schon immer mal in fremde Wohnungen.

Welche Begegnungen sind dir besonders nahe gegangen?
Viele Begegnungen sind mir auf ganz unterschiedliche Weise nahe gegangen, haben mich gerührt, mich beschämt, mich überrascht, mich demütig oder glücklich werden lassen, weil die Geschichten, die man mir erzählte, berührend waren. Mit ein paar Menschen gab es eine Art von Vertrautheit, da ist am Küchentisch plötzlich etwas entstanden, das fast schon etwas Magisches hatte.

Hast du noch Kontakt zu Menschen, die du dabei kennengelernt hast?
Ja. Mit einigen bin ich seither sogar sehr eng befreundet. Und die Anfreundung wirkt immer noch nach: Letzte Woche habe ich mich – nach fünf Jahren Pause – wieder mit einer Frau getroffen, die ich damals kennengelernt habe. Die Zeit vergeht aber auch einfach zu schnell!

Du hast aus dieser Idee auch ein Weblog gemacht, auf dem du von deinen Begegnungen geschrieben hast. Wie waren die Reaktionen auf „Hausbesuchswins”?
Ich war überrascht, wie positiv die Leute auf mein Projekt reagiert haben. Als ich losgegangen bin, dachte ich, man würde mir überall nur den Vogel zeigen. Aber im Gegenteil: Jeden Tag hat mich jemand mit umwerfender Herzlichkeit in seine Wohnung gelassen. Diese Offenheit, Neugier und Gastfreundlichkeit hat mich wirklich beeindruckt. Und mit der Zeit hatte sich das Projekt so herumgesprochen, dass mich Leute auch von sich aus eingeladen haben. Es gab aber natürlich auch immer Leute, die mich an der Tür abgewiesen haben – mal mehr, mal weniger höflich. Das hat jedes Mal ganz schön Überwindung gekostet, weiter zu klingeln. Ich kann auch nicht sagen, dass ich mit der Zeit abgebrühter wurde – ich wusste nur, dass ich mit einem wunderbaren Hausbesuch entschädigt werden würde, und sei es auch erst nach eineinhalb Stunden Klinkenputzen.

„Ich habe gelernt, meine Schubladen abzuschaffen”

Was hast du aus diesem Projekt für dich mitgenommen?
Ich habe gelernt, meine Schubladen abzuschaffen und nicht mehr zu urteilen – weil die Wirklichkeit doch immer anders war, als sie den Anschein hatte.

Haben die Erfahrungen im Winskiez deine Haltung zur Welt verändert?
Völlig. Die Erfahrung, jeden Tag von einem fremden Menschen mit offenen Armen in die Wohnung – und oftmals nicht nur in die Wohnung – gelassen zu werden, hat mich menschenmilde werden lassen.

Hat es dich für den Rest deines Lebens mutiger gemacht, dass du für dieses Projekt mutig sein musstest?
Ha, das wäre schön, wenn der Klingelmut ein Generalmut geworden wäre. Aber leider ist Mut ja kein Zustand, schon gar kein Dauerzustand, sondern nur ein Moment. Im besten Fall ein Anfangsmoment, um aufbrechen zu können. Und jeder Aufbruch braucht wieder eine ganz eigene Mutmischung, die man erst mühsam sammeln gehen muss wie ein Kräuterweiblein. Aber immerhin weiß ich jetzt schon, wo gute Kräutlein wachsen, das vereinfacht das Sammeln wenigstens etwas.

Du hast damals begonnen zu bloggen. Zum Ende des Projektes hast du damit wieder aufgehört, nun hast du wieder angefangen. Warum bloggst du (wieder)?
Damals hab ich gebloggt, um mich beim Wort nehmen zu müssen. Heute blogge ich, weil es eine unterhaltsame Art ist, Selbstgespräche zu führen. Plötzlich antwortet dir jemand und sagt: mhm, geht mir auch so.  

Wann hast du angefangen zu schreiben?
Ich glaube, in der fünften Klasse. Frau Hofmann, meine Deutschlehrerin damals, fand meine Aufsätze gut und hat mich praktisch gedrängt, beim „Treffen junger Autoren“ mitzumachen. Ich gewann einen Büchergutschein (100 Mark!), auf den ich so stolz war, dass ich ihn nie eingelöst habe. Aber dann kamen die Deutschlehrer, die meine Inhaltsangaben und Protokolle inakzeptabel fanden, und dann habe ich es sehr schnell wieder sein lassen mit dem Schreiben. Ich erinnere mich aber, dass ich später, als Politikstudentin, in meiner Küche saß und mit einer Freundin einen „Zukunftsplan“ aufstellte, so etwas, bei dem man ein Bild von sich in zehn Jahren entwirft, eine Art gezeichnete „To-Do-Liste“ (wir wollten uns nach katastrophalen Männergeschichten wieder auf die Spur bringen). Jedenfalls erinnere ich mich, dass ich auf meinen „Zukunftsplan“ tatsächlich einen Wegweiser mit „Schreiben“ gemalt habe.

Du bist dann allerdings nicht gleich Autorin, sondern erst einmal Regieassistentin am Deutschen Theater geworden….
Autoren waren für mich Dostojewskij oder Proust oder Mann, das Autorenbild hing für mich viel zu hoch, um jemals auch nur andeutungsweise als Beruf für mich in Frage zu kommen. Theater schien da die einzige realistische Möglichkeit, sich mit Texten zu beschäftigen. Aber am Theater hat mich gestört, dass man immer so viele Kompromisse zwischen Phantasie und Realität machen muss. Durch das Projekt bin ich wieder zum Schreiben gekommen und habe gemerkt, wie viel Spaß es mir macht. Aber als Regieassistentin hast du zu wenig Freizeit, um nebenher schreiben zu können. Noch dazu also Regieassistentin und Mutter. Nach dem Projekt war ich noch anderthalb Jahre am Theater – bis ich kapiert habe, dass ich es wagen muss. Also habe ich gekündigt. Jetzt bin ich freie Autorin und glücklich. Und interessanterweise genau zehn Jahre nach dem „Zukunftsplan“.

Wie kam es dazu, dass du dieses Buch geschrieben hast und wie hast du einen Verlag gefunden?
Alle, denen ich von meinem Projekt erzählt habe, meinten, das müsste ein Buch werden. Das hat mich ermutigt und ich dachte: warum versuche ich nicht einfach als Erstes damit, Autorin zu werden? Ich habe also am Theater gekündigt, ein Exposé und 30 Seiten Probekapitel produziert, mir fünf Verlage gesucht, in deren Programm das Buch meiner Meinung nach passen könnte – und abgeschickt. Ein halbes Jahr später hat mich eine unbekannte Münchner Nummer angerufen. Weil ich grundsätzlich nicht an unbekannte Nummern gehe, hab ich sie nebenher schnell gegoogelt: Knaus Verlag, Lektorat. Ich bin so erschrocken, dass ich nicht ran gegangen bin, sondern nur schockstarr weiter zugesehen habe, wie mich die Nummer anruft. Zum Glück hat mir die wundervolle Lektorin anschließend eine Email geschrieben. Und viel später hat sie mir erzählt, dass nur sehr selten Manuskripte angenommen werden, die nicht über einen Agenten kommen.

„Ich hoffe, dass es ein Buch geworden ist, dass anderen Mut und Lust macht, auch auf Fremde zuzugehen”

Was ist das nun für ein Buch geworden? Hast du die Texte, die du damals für dein Weblog geschrieben hast, sehr überarbeitet?
Ich hoffe, dass es ein Buch geworden ist, das anderen Mut und Lust macht, auch bei den Nachbarn zu klingeln und auf Fremde zuzugehen, ein Buch, das einen erinnert, dass es hinter Fassaden auch ganz anders aussehen kann. Die Texte sind natürlich überarbeitet und gebürstet, und anders als im Weblog liegt der Fokus nicht mehr ausschließlich bei den Menschen, die ich besuche, sondern auch bei mir und wie mich dieses Projekt verändert hat.

Wie lange hast du an „Hausbesuche” geschrieben?
Gefühlt: ewig. Aber zwischen den einzelnen Schreibphasen waren immer sehr lange Wartepausen. Im Exposé hatte ich behauptet, zwei Drittel des Buches seien schon fertig. Dabei gab es nur diese 30 Seiten und weiter nichts. Plötzlich sollte ich weitere Probekapitel schicken. Also habe ich ganz schnell 50 Seiten produziert, die sich anhören sollten, als stünden sie weiter hinten im Buch. (Das war schwierig.) Und dann noch einmal Probekapitel! Diesmal hab ich aus der Luft 50 Seiten Mittendrin-Kapitel geschrieben. (Das war noch schwieriger.) Erst, als endlich der Vertrag zustande kam, habe ich angefangen, wirklich das Buch zu schreiben – und zwar von vorne. Und von Vertragsabschluss bis zum Bucherscheinen hat es jetzt eineinhalb Jahre gedauert. Effektiv am Buch geschrieben habe ich vielleicht ein halbes Jahr.

Viele Menschen haben den Traum, irgendwann einmal ein Buch zu schreiben. Wie hat es sich für dich angefühlt?
Das Schreiben war wunderbar. Aber dass aus diesem Schreiben ein Buch wurde, fühlte sich ungefähr so an, als hätte man, wie Jane Goodall, ein verwaistes Schimpansenbaby liebe- und sorgevoll mit der Flasche großgezogen und dann ausgewildert. Du tigerst schlaflos durch die Gegend und kannst nur hin und wieder einen Blick auf deinen Affen werfen, aus der Ferne, mit einem Feldstecher, wenn der Wind gegen dich steht. Und dann hältst du auf einmal ein Buch in der Hand, ein Buch mit sehr kantigen Ecken und vielen Seiten und deinem Namen vorne drauf – und das ist dann ungefähr so, als solltest du diesen inzwischen adoleszenten Affen plötzlich wieder auf den Schoß nehmen und kraulen, so wie früher.

Wie gehst du mit schreiberischen Selbstzweifeln um? Oder quälst du dich damit gar nicht so herum?
Oh Gott, die schreiberischen Selbstzweifel. Sie in Schach zu halten ist eigentlich die Hauptarbeit beim Schreiben. Aber ich hab ein paar gute Tricks entdeckt: nicht lesen, was ich am Vortag geschrieben habe. Einen Song in Endlosschleife hören, damit das Hirn abgelenkt ist. Und immer, wenn ich denke, mein Geschreibe sei eine absolute Katastrophe, habe überhaupt keinen Sinn und vor allem: keine Berechtigung, schicke ich meinen Schreibstand an zwei Freundinnen. Diese beiden Freundinnen sind wunderbare Freundinnen. Ich rufe sie an und frage: „Kann ich dir was schicken?“ und sie sagen sofort: „Klar, schick.“ Und dann schicke ich ab und sitze zitternd und bibbernd vorm Emailfach und warte auf die Antwort. Auf die begeisterte, von meinem Genie überwältigte Antwort. Und da sitze ich und warte. Und warte. Und warte. Und irgendwann kapiere ich, dass es für andere Wichtigeres gibt, als meine Texte zu lesen, und höre auf mit Warten und schreibe einfach weiter. Weil ich ja in der Zwischenzeit auch was tun muss.






Das Bild „Verdammt” – denkt er immer wieder – „Hätte ich etwas anderes werden sollen?” von Helen Acosta hängt über Stephas Küchentisch

Wie genau schreibst du, wenn du schreibst?
Ich schreibe am liebsten in meiner Küche – mit einer für Außenstehende sicher merkwürdigen Laptop-auf-Tablett-auf-Stuhllehnen-Konstruktion für den absolut perfekten Hand-zu-Tastaturabstand. Meine Füße hab ich dabei auf einem umgedrehten Spaghettitopf – weil ein normaler Fußschemel nicht hoch genug ist. Dazu gibt es Earl Grey in rauen Mengen. Am allerliebsten schreibe ich nachts, ich mag diese besondere Ruhe. Aber seit meiner Tochter Marie schreibe ich sehr diszipliniert von 9 Uhr bis 15 Uhr 30. Abends, wenn sie schläft, dann noch einmal für ein, zwei, drei Stündchen. Wenn es flutscht, kann es dann auch drei Uhr morgens werden, wie früher. Ich schreibe chronologisch und folge dem Text eher, als er mir. Fertig ist der Text, wenn ich nachts wieder schlafen kann und nicht mehr aufschrecke, weil auf Seite 196 ein Wort durch ein passenderes ersetzt werden muss.

Was magst du am Schreiben?
Oh, vieles. Ich mag, wenn die Figuren anfangen, lebendig zu werden, wenn alles anfängt, Form anzunehmen. Ich mag, dass ich mit jedem Satz eine andere Richtung einschlagen kann. Ich mag die Ruhe. Und dass ich beim Schreiben verschwinden kann.

Verschwinden?
Das klingt wahrscheinlich schrecklich kitschig, wenn man es erklärt, aber: das Eintauchen in eine Blase, in der man alles vergisst, auch das Essen, und wenn man wieder auftaucht, sind sechs Stunden vergangen. Oder ein ganzer Tag.

Wie wird man deiner Meinung nach zu einem besseren Schreiber?
Für das „man“ ist es, glaube ich, nicht so wichtig, zu einem „besseren“ Schreiber, sondern überhaupt zu einem Schreiber zu werden. Für mich gilt: Spaß haben. Möglichst wenig dabei denken. Und: kill your darlings. Immer wieder.

„Die Brüder Löwenherz war das erste Buch, bei dem ich geweint habe, Rotz und Wasser”

Welche Bücher und Autoren sind dir besonders wichtig?
Es gibt viele Autoren, die mir wichtig sind, bei denen ich noch weiß, wo und in welcher Situation ich sie gelesen habe – welches Wetter gerade war und wie es gerochen hat. Einige von ihnen haben ganze Lebensabschnittsphasen geprägt. Kafka zum Beispiel, er hat mir viel bedeutet, weil er nicht anders konnte. Mit „Effi Briest” habe ich die schönsten Herbstferien meines Lebens durchlitten. Henry Miller hat mir das Leben gerettet, Ingeborg Bachmann mir ein zerstörtes Selbstbewusstsein wieder aufgebaut. Wegen Dostojewskij war ich in Moskau, wegen Sarah Kane in London. Wegen Kierkegaard habe ich mich von einem Mann getrennt. Wegen Tschechow wollte ich Theater machen, wegen Schiller bin ich an der Regiehochschule genommen worden, wegen Shakespeare wieder geflogen. Und meine Tochter heißt Marie – wegen Büchners „Woyzeck“.

Aber wenn ich das allerwichtigste Buch, den allerwichtigsten Autor nennen soll, so werde ich immer „Die Brüder Löwenherz“ und Astrid Lindgren sagen. Damit fing alles an. Es war das erste Buch, bei dem ich geweint habe, Rotz und Wasser, unter Schluchzen. Und es war das Buch, bei dem ich angefangen habe, zu ahnen, was Bücher mit uns machen können.

Was kommt für dich als nächstes?
Gerade schreibe ich an einem Jugendroman – in der Hoffnung, dass es eines dieser Bücher wird, die einem heranwachsenden Menschen etwas sagen – oder sogar bedeuten.

Ich danke dir, liebe Stepha. 

„Hausbesuche – Wie ich mit 200 Kuchen meine Nachbarschaft eroberte” ist bei Randomhouse erschienen und kostet 16,99 Euro. Stephas Weblog „Rotkapi” ist hier zu finden. Und hier sind die alten Hausbesuche noch einmal nachzulesen. Am 2. Mai liest Stepha aus ihrem Buch im Deutschen Theater.

Fotos: Volker Gerling für den Knaus Verlag (1).

RUCKSACK-LIEBE


Dieser eine Freitag zum Beispiel. Nach unserem ersten gemeinsamen Museumsbesuch neulich hatten Fanny und ich ein Notizbuch besorgt, um noch einmal loszuziehen und Bilder abzumalen, also packte sie ihren Rucksack und ich meinen und wir spielten „Wer ist Erster?”. Ich musste sie nicht einmal gewinnen lassen, weil ich wie immer viel zu viel einpackte: Taschentücher, einen Regenschirm, mein Portemonnaie, ein paar Stifte und etwas zum Schreiben, falls ich auch mitmalen wollte, die Bluse, die ich noch umtauschen musste, schließlich lag der Laden auf dem Weg zur Alten Nationalgalerie, diese kleine Kosmetiktasche, die ich immer mit mir herumschleppe, obwohl ich mich eigentlich nie nachschminke, mein Handy, meine Schlüssel, einen Lippenpflegestift und Handcreme, ohne mag ich das Haus nicht verlassen. In ihrem Rucksack: das schwarze Notizbuch, ihr Stiftemäppchen und Salut, der Bär (der Salut heißt, weil wir ihn in Paris gekauft haben und es das erste Wort war, das sie auf Französisch konnte). Dann zogen wir los. Und als sie in diesem langen Gang vor dem Museum gleich losrannte und ich aus der Ferne nur noch ihren orangenen Katzenrucksack sah, immer noch viel zu groß für sie, obwohl sie mittlerweile doch gar nicht mehr klein ist, musste ich an dieses Foto denken, das meine Mutter mir irgendwann einmal geschenkt hat. Ich stehe auf einer Brücke. Ich habe eine blaue Jacke an und eine kurze Hose, die man aber kaum erkennen kann, weil sie von einem gigantischen, eigentlich das ganze Mich überragenden Rucksack verdeckt wird, den zu tragen mir meine Eltern nicht ausreden konnten. Ich muss diesen Rucksack so geliebt haben wie Fanny heute ihren. Oder war es der Stolz des Kann-ich-schon-alleine-Tragens?

Ich weiß nicht, wie aus dieser Rucksackliebe später eine Abneigung werden konnte, aber seit meinem ersten Rucksack habe ich nie wieder einen getragen, ich mochte Rucksäcke einfach nicht besonders. Dabei spricht nichts gegen sie: Sie sind praktisch, deutlich angenehmer zu tragen als Taschen, und man hat immer die Hände frei. Geändert hat sich meine Meinung aber erst, als ich Marlene mit dem Rucksack gesehen habe, den sich ihr Freund James ausgedacht hat. Er ist wunderbar schlicht, schwarz, hat verstellbare Riemen und oben einen Seesack-Verschluss zum Knoten. Um sicher zu sein, dass ich wirklich einen kaufen möchte, habe ich den von Marlene für ein paar Tage zur Probe getragen. Ich wusste schon nach einem Tag, dass ich auch so einen haben wollte. Und ich habe diesen Kauf nicht einen Tag bereut. Zwischen dem Foto von mir auf der Brücke und heute müssen gut 30 Jahre liegen, und jetzt ist es wieder: Rucksackliebe. Vielleicht sollte ich mich öfter mit Dingen beschäftigen, die ich aus keinem guten Grund nicht mag. 

DAS EINE BUCH


Neulich habe ich eine sehr hübsche Website entdeckt: „GAL: Girls at library – Portraits of and interviews with women who love to read”, eine Seite also, die bücherliebende Frauen zu ihrer Bücherliebe befragt. Meine Lieblingsfrage: Erinnerst du dich noch an das erste Buch, in das du dich verliebt hast und das dich für immer zu einer Leserin gemacht hat? Ich habe zuerst an „Die rote Zora” gedacht. So ganz genau kann ich die Geschichte nicht mehr wiedergeben, aber es gab eine gefährliche Bande und ein rothaariges Mädchen namens Zora, und als ich dieses Buch las, habe ich mir gewünscht, genauso stark zu sein wie sie. Dann habe ich an „Der Herr der Ringe” gedacht, das ich einem Dänemarkurlaub fast pausenlos gelesen habe, meine Mutter musste mich überreden, mal ans Meer zu gehen, obwohl ich das Meer so liebte. Und „Dshamilja”, das mir nicht nur die Liebe zum Lesen, sondern auch die Liebe für die Liebe beibrachte, lange bevor ich mich zum ersten Mal so richtig verknallte. Oder ist es „Der große Gatsby”, das mich so hingerissen und umgehauen hat mit seiner Sprache und Wucht, aber da war ich schon 25, ich habe das Datum vorne ins Buch geschrieben. Der erste dicke Bleistiftstrich findet sich schon auf Seite zehn: „Diese Sensibilität hatte nichts mit der läppischen Aufgeschlossenheit zu tun, der man den Namen „schöpferisches Temperament” umgehängt hat – es war eine ungewöhnliche Begabung, immer etwas zu erhoffen, eine romantische Bereitschaft, wie ich sie bei keinem Menschen sonst gefunden habe und wohl nie wieder finden werde.” Doch, ich glaube es ist „Der große Gatsby”, schon für das Umhängen und die „romantische Bereitschaft”.
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